Den Tisch des Wortes decken

Predigt am 23. Sonntag im Jahreskreis C – am 08. September 2013
Lesungen: Weish 9,13-19 – Phlm 9b-10.12-17 – Lk 14,25-33
Alle liturgischen Texte (hier)

evangeliar

Wir haben  drei Lesungen gehört, die dem Anschein nach ganz verschiedene Anliegen vertreten. Den Gläubigen soll ja, so heißt es in einem Text des 2. Vatikanischen Konzils, der „Tisch des Wortes Gottes“ reich gedeckt werden. Wir sollen also mehr als bisher die Selbstoffenbarung Gottes erkennen und durch die vielen Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben, für das eigene Leben Orientierung und Halt gewinnen.

Immer geht es dabei um das neue, das ganz andere Leben, das uns von Gott geschenkt worden ist. Wir sollen, so lesen wir im Petrusbrief: „Die … von den Vätern ererbte sinnlose Lebensweise“ (vgl. 1 Petr 1,18) ablegen – und als neue Menschen leben. Die drei Lesungen des heutigen Sonntags weisen uns dazu den Weg.

Im Buch der Weisheit wird der Mensch an die Grenze seiner Erkenntnis erinnert: „Wer begreift, was der Herr will?“ heißt es da – und: „Unsicher sind die Berechnungen der Sterblichen und hinfällig unsere Gedanken“ (Weis9,13.14). Das führt zu jener Demut, die alle weisen Menschen nach langen Mühen um Erkenntnis der Wahrheit gefunden haben. Angesichts der Unbegreiflichkeit Gottes liegt es nahe, bescheiden zu bleiben. Wenn wir schon kaum erraten, was auf der Erde vorgeht, und nur mit Mühe finden, was auf der Hand liegt, wie können wir dann den Himmel ergründen, meint der biblische Autor. Er lädt dazu ein, vor der unbegreiflichen Größe und Erhabenheit Gottes die Knie zu beugen und jede stolze Anmaßung zu meiden. Gerade in unseren Tagen haben wir dazu Anlass genug. Denn was auf der Welt allenthalben geschieht, verstehen wir immer weniger.

Bescheidenheit und Demut wäre also die erste Grundhaltung des Christen! Darin unterscheidet er sich von Nichtglaubenden: der Christ ist bereit, sich nicht wichtig zu nehmen und Gott allein zu ehren. Vor kurzem stand ich am Familiengrab eines verdienstvollen Priesters. Auf dem Grabstein waren neben dem Familiennamen nur die Vornamen seiner Geschwister eingemeißelt. Beim Namen des verstorbenen Priesters war kein „Hochwürden“, kein „Geistlicher Rat“ oder „Prälat“ oder sonst ein Titel zu lesen. Als Zeichen seines Dienstes war nur ein Kelch zu sehen. Ist das nicht ein überzeugendes Beispiel für Bescheidenheit.

In der zweiten Lesung kümmert sich Paulus in einem Brief an seinen Freund Philemon um das Schicksal seines ehemaligen Helfers und entlaufenen  Sklaven Onesimus. Der kurze Brief eines alten Mannes, wie sich Paulus selber nennt, zeigt eine große Wärme und Mitmenschlichkeit, mit er sich – sogar noch vom Gefängnis aus – um Onesimus sorgt. (Damals war der Dienst von Sklaven auch noch für Paulus selbstverständlich. Ein entlaufener Sklave mußte sogar mit der Todesstrafe rechnen). Da nun Paulus um seinen bevorstehenden Tod weiß, möchte er sicherstellen, dass Onesimus trotz allem in gute Hände kommt. Deshalb wendet er sich an seinen Freund Philemon. Ihm mutet er mit einfühlsamen Worten zu, sich um Onesimus zu kümmern.

Das ist die zweite Grundhaltung des Christen – die Güte und Menschenfreundlichkeit allen gegenüber, besonders aber denen, die einem durch Dienstleistung oder freundschaftliche Nähe anvertraut sind. Christen leben nicht gleichgültig im Blick auf ihre Mitmenschen. Ihr Markenzeichen ist die Nächstenliebe, so sehr, dass in den Anfängen der Kirche die Beobachter sagen konnten: „Seht, wie sie einander lieben!“ (Dieses Wort steht so nicht in der Bibel, sondern nimmt Bezug auf die Gemeinschaft der ersten Christen, die „ein Herz und eine Seele waren“ (vgl. Apg 4,32 oder auch Joh 13,35)).

Und der Evangelist Lukas malt ein Bild der Nachfolge Jesu: man müsse hinter ihm hergehen, sich lösen von allen Bindungen an das Irdische und sich nicht von der Last des Kreuzes abschrecken lassen. Das sind jene ernsten Worte, an denen sich immer schon die Geister geschieden haben. Jesus setzt als Bedingung für seine Nachfolge das „Bekenntnis zum Kreuz“. Nur wer sein Kreuz trägt und ihm nachfolgt, kann sein Jünger sein.

Viel wurde darüber gerätselt, was denn nun konkret „mein Kreuz“ ist. Ist es eine bestimmte unangenehme Lebenserfahrung, eine Krankheit, ein Leiden, ein Mangel? Ist es das nicht erreichte Lebensziel, ist es das öffentliche Bekenntnis zu Kreuzen in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden? Ist es die bittere Erfahrung des eigenen Scheiterns? Ist es das Leiden an den Schwächen und Sünden in der Kirche, wie wir sie gerade erleben?

Niemand kann das für alle verbindlich sagen. Das Kreuz hat viele Formen. Und nicht jede negative Erfahrung muss man gleich mit dem Kreuz Christi identifizieren. Sagt nicht Jesus auch einmal: „Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht“ (Mt 11,30). Sein Kreuz tragen und Jesus nachfolgen, heißt zunächst einfach, Jesus auf der Spur bleiben, sich von seinen Haltungen und Handlungen inspirieren lassen – es so machen wie er. Die Konsequenz kann dann sein, dass es die Leute mit einem auch so machen, wie sie es mit ihm gemacht haben. Missverständnisse, Ablehnung und Spott sind dann zu erwarten.

Das wäre dann die dritte Grundhaltung des Christen. Sie rechnen mit dem Kreuz und wundern sich nicht, wenn es ihnen auferlegt wird. Nicht, weil Christen Masochisten sind, die das Leiden um des Leidens willen suchen, sondern weil sie den Namen des gekreuzigten Christus tragen und wie dieser die Liebe leben – bis zur Vollendung. Wer der Liebe treu bleibt, kann in Zwickmühlen kommen wie Jesus, aus denen heraus es nur einen Weg gibt: das Durchtragen und Aushalten.  Das meint Kreuz im Leben des Christen.

Aus den so verschiedenen Lesungen haben wir drei Grundhaltungen erkannt: Bescheidenheit, Fürsorge und die Bereitschaft, auch Schweres auf sich zu nehmen. Viel wäre dazu noch zu sagen, mehr noch darüber zu meditieren und nachzudenken.

Bleiben wir mit Jesus Christus unterwegs, indem wir seinen Spuren folgen und immer mehr wachsen an Weisheit, an Demut und Liebe, den Kennzeichen eines christlichen Lebens.

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)
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