Advent – Aufgang im Untergang

Predigt am 1. Adventsonntag im Jahreskreis A – am 01. Dezember 2013
Lesungen: Jes 2,1-5 / Röm 13,11-14a / Mt 24,29-44
Alle liturgischen Texte (hier)
Am Ende des Textes besteht die Möglichkeit, die Predigt anzuhören – durch Klicken auf das kleine Dreieck links im schwarzen Balken

Untergang-AufgangErmutigend ist das nicht, war wir gerade am ersten Adventsonntag in den Lesungen gehört haben. Das Evangelium, eine Frohbotschaft, wie wir heute gern sagen, ist schon eher eine Katastrophenmeldung. Verhaltensregeln für den Katastrophenfall werden auch gleich mitgeliefert: Wachsam soll man sein und sich – für alle Fälle – bereit halten. Denn der Tag und die Stunde des Bevorstehenden sind ungewiss. Vorausgesetzt und geglaubt ist nur das sichere Kommen des Menschensohnes am Ende der Zeiten.

Erschütternd sind die Begleiterscheinungen seiner Ankunft. Der ganze Kosmos soll aus den Fugen geraten. Wie sollen wir mit solchen Zukunftsaussichten umgehen? Welche Bedeutung geben wir ihnen? Eines dürfte klar sein: durch solche Bibelstellen werden wir uns nicht voreilig in eine Panikstimmung drängen lassen. Unheilspropheten haben das immer versucht. Deshalb musste schon der hl. Paulus die Gemeinde in Thessaloniki vor einer Weltuntergangsstimmung warnen (vgl. 2 Thess 2,2). Ein nüchterner Sinn verbunden mit den Erfahrungen des eigenen Lebens kann uns helfen, die richtigen Schlüsse aus diesen adventlichen Lesungen zu ziehen. Unser eigenes Leben: nun – das ist alles andere als ein gesichertes Dasein. Da ist ja doch immer alles möglich. Niemand kennt seine Zukunft genau. Niemand weiß, was ihm noch alles bevorsteht. Nicht, um Ängste zu schüren, sage ich das, sondern, damit wir immer besser verstehen, was sich in unserem Leben ereignet und was der Fall ist. Schau dich um in deinem Lebenskreis. Welche Nöte und Kathastrophen nimmst du wahr? Wie ist das mit den täglichen Nachrichten? Erst vor kurzem sahen wir die erschütternden Bilder der Verwüstung durch den Wirbelsturm Hayan auf den Philippinen. Bleibt einem da nicht jedes Wort im Hals stecken? Und wie geht es uns persönlich mit unerwarteten Veränderungen, z.B. mit Krankheit und Tod? Nie hätte ich damit gerechnet, im Herbst letzten Jahres die Diagnose Krebs zu bekommen. Und ich bin da nicht der einzig Betroffene. Aus dem geschäftigen Treiben unserer Tage werden wir oft unerwartet herausgerissen. Eine Zwangspause wird uns auferlegt. Wir können nicht mehr so, wie wir wollen. Innere und äußere Grenzen hemmen uns. Die Frage: was soll das bedeuten, lässt sich dann nicht mehr umgehen. Wir müssen eine Antwort finden. Normalerweise trösten wir uns mit bekannten Sprüchen: z.B. es wird schon irgendwie weitergehen. Nach jeder Nacht folgt ein neuer Tag. Man darf die Hoffnung nie aufgeben, usw. Das mag für den Alltag genügen. Damit aber kann man auf Dauer nicht leben. Das ist zu einfach und beruhigt unseren suchenden Verstand nur vorläufig. Wir suchen bessere Antworten. Die heute beginnende Adventszeit eignet sich dazu, solche Fragen zu stellen und Antworten zu finden. In der Hl. Schrift steht ja mehr als nur das, was wir heute gehört haben. Ganz cool schreibt z.B. der Apostel Paulus an die Korinther„Die Gestalt dieser Welt vergeht“ (1 Kor 7,31). Aber er glaubt: sie löst sich nicht einfach auf. Das Ende aller irdischen Dinge ist zugleich eine Verwandlung, noch deutlicher gesagt: es ist zugleich die endgültige und für alle Menschen erfahrbare „Selbstoffenbarung Gottes“. Er wird am Ende der Zeiten alles in allem sein (vgl. 1 Kor 15,28). Leben, Freude und Leid, Arbeit und Freizeit, Hoffen und Bangen, alles, was unsere tägliche Befindlichkeit ausmacht, das ist noch nicht das Ganze und Endgültige, sondern nur das Vorübergehende und Vorläufige. Was vorläufig ist, verwandelt seine Gestalt solange, bis das Endgültige zum Vorschein kommt. Das ist so wie mit der Raupe, der Puppe und dem Schmetterling. Die Raupe unterscheidet sich vom Schmetterling nur dadurch, dass ihre Zeit noch nicht gekommen ist. Und wenn aus einer Blüte eine reife Frucht werden soll, braucht es das geduldige Warten. Blüte und Frucht haben äußerlich kaum etwas miteinander gemein – aber jeder weiß, dass die Blütenblätter erst verwelken müssen, bis dann über die Knospe die Frucht heranwächst. Wir erahnen wohl dieses Geheimnis, wenn wir im Advent Barbarazweige aufstellen, um jetzt schon, in der beginnenden Winterzeit, mit Staunen die Verwandlungen der Natur zu sehen. In der Adventszeit versuchen wir, unser Leben nüchtern anzuschauen. Mit Rührseligkeit hat der Advent nicht viel zu tun. Eher noch mit einer größeren Achtsamkeit gegenüber sich selbst und gegenüber unseren Mitmenschen. Auch deshalb stellt uns die Kirche in diesen Tagen große Heilige der Nächstenliebe vor, wie den Bischof Nikolaus, Barbara, Franz und andere. Auch deshalb hat Papst Franziskus mit einem mutigen Appell für eine menschenfreundlichere Kirche geworben. Eine neue Achtsamkeit wäre also einzuüben – im Hören und im Schauen. Lasst uns mehr Zuhören als Reden. Immerhin hat ein so wortgewaltiger Dichter wie Johann Wolfgang von Goethe einmal gesagt: „Wenn man einmal weiß, worauf es ankommt, hört man auf, gesprächig zu sein“. Das könnte auch bedeuten: stiller werden, den Lärm abzustellen und sich eine Zeit des Alleinseins zu gönnen. Seit alters nennt man die Adventszeit nicht umsonst die „stille Zeit“. Lasst uns genauer hinschauen und nicht nur oberflächlich drüberschauen. Das könnte bedeuten: weniger Bilder zulassen, unsere Augen zu entlasten, weniger in das Fernsehgerät, häufiger in das Antlitz eines Menschen blicken!

Die Adventszeit ist eine Chance, wieder menschlicher zu werden und unserer Gesellschaft die notwendige Kehrtwende zu ermöglichen. Wir wissen doch, dass alle Veränderung nur von einem selber ausgeht und dass sie ohne eine neue Hinwendung zu Gott nicht gelingen kann. Denn Sicherheit und Halt gibt es nur bei Gott. Da hatte der Prophet Jesaja in seiner Mahnrede an König Achaz schon recht: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht!“ (Jes 7,9) oder in einer anderen Übersetzung: „Wenn ihr euch nicht an Gott haltet, werdet ihr keinen Halt haben“.  Gott  bleibt in allem Wandel der Unwandelbare. Er ist der Aufgang in allen Untergängen. Er ist das Leben im Tod der Welt. Er wird uns aus dem Meer dieses Daseins retten – wie Israel beim Zug durch das rote Meer, wie den sinkenden Petrus aus dem See von Galiläa. Rettung und Heil erwarten wir von unserem Gott. Deshalb beginnen wir die Adventszeit wieder einmal mit einem Appell – zur Wachsamkeit und angstfreien Bereitschaft gegenüber allem, was kommen mag.


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Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

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