Eine bessere Verfassung durch Umkehr

Predigt am 2. Adventsonntag im Lesejahr A – am 08. Dezember 2013
Lesungen: Jes 11,1-10 / Röm 15,4-9 / Mt 3,1-12
Alle liturgischen Texte (hier)
Am Ende des Textes besteht die Möglichkeit, die Predigt anzuhören – durch Klicken auf das kleine Dreieck links im schwarzen Balken

Wir haben heute drei längere Lesungen gehört. Sie bergen Goldkörner der Lebensweisheit und laden ein, sich mitten im Advent noch einmal eine Zeit des Nachdenkens zu leisten. Denn viel zu schnell ist diese besinnliche Zeit vorbei – und Weihnachten auch – und viel zu schnell sind wir wieder im alten Trott.  Was also können wir als Anregung mitnehmen aus dem Buch des Lebens, der Hl. Schrift?

Die erste Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja lenkt unseren Blick in die Zukunft. Jesaja sieht eine veränderte und bessere Welt voraus. Sie geht aus der alten hervor wie ein junger Trieb aus einer alten Wurzel. Die alte Wurzel – das ist das Königshaus David. Davids Vater hieß Isai, in adventlichen Lieder auch Jesse genannt. Er stammte aus Bethlehem, woher nach alter Verheißung auch ein neuer König kommen sollte. Jesus, geboren in Bethlehem, ist dieser neue König aus Davids Geschlecht. Er wird eine neue Rechtsordnung einführen: das Gottesrecht. Sein „Reich Gottes“ wird eine andere Verfassung haben als wie wir sie in weltlichen Staaten kennen. In seinem Grundgesetz heißt der 1. Artikel: Liebe – als Hauptgebot.

Wer diese Verfassung anerkennt und danach zu leben versucht, erfährt Verwandlung – bei sich und im Zusammenleben der Menschen und Völker.

Der Prophet illustriert diese neue Weltordnung mit Bildern aus dem Tierreich. Normalerweise frisst der Wolf das Lamm, der Panther das Böcklein. Nun aber liegen sie friedlich beieinander. Jesaja sieht in diesem sog. Tierfrieden die Völker, die sich bisher bekriegt haben, jetzt im Frieden miteinander leben. Sie haben eine andere Art der „Konfliktlösung“ gefunden. Man nennt das auch die „Entfeindungsliebe“. Denn der Liebe kann es gelingen, den Hass aufzulösen – wie ein Löschblatt den Tintenfleck auflöst.

Die Grundbewegung ist das Annehmen und Anerkennen des Anderen, obwohl er anders ist. Ich muss dem anderen immer verzeihen, dass er nicht so ist, wie ich glaube, dass er zu sein hat. Ich muss ihm sein Anderssein verzeihen. So fängt eine neue Welt an. Jesaja spricht mit dieser Vision eine Sehnsucht aus, die nach Erfüllung drängt. Könnte sie nicht um Gottes willen eines Tages Wirklichkeit werden? An Weihnachten werden wir hören: „auf Erde ist Friede den Menschen seiner Gnade“ (Lk 2,14), also den Menschen, die von Gott aus Gnade zu einem Leben im Frieden ermächtigt worden sind. Die Hoffnung auf einen solchen Neuanfang dürfen wir nie aufgeben.

In der zweiten Lesung beschreibt Paulus dieses neue Miteinander genauer. Man erkennt es z.B. auch im Umgangston: es ist die Geduld, der Trost, die Einmütigkeit, das „einander annehmen“ – wie das Jesus der Christus getan und gesagt hat. Diese neue Art des Umgangs hat auch einen Namen: Barmherzigkeit. Mit unserem neuen Papst Franziskus hat dieses Wort plötzlich wieder Bedeutung erlangt.

Die hebräische Wortwurzel von Barmherzigkeit heißt „Mutterschoß“. Barmherzigkeit ist also das Hegen und Pflegen des Schwachen und Hilfsbedürftigen, das Annehmen und Geborgenheit schenken. Wie sehr wir Geborgenheit brauchen, um überhaupt leben zu können, wissen wir nicht nur aus Kindertagen, sondern erfahren wir auch dann, wenn wir traurig sind und uns jemand in den Arm nimmt, um wortlos zu sagen: „Es ist schon alles gut so, wie es ist – mit Dir“.

Das brauchen wir; davon leben wir. Das verbinden wir auch mit dem Wort Gott. Gott ist nach einem Bild des Münchner Pfarrers Elmar Gruber unsere „Gutgeh-Kraft“.

Das Evangelium schließlich ist wie ein Weckruf an das müde und träge gewordene religiöse Establishment. Der Text erinnert an das erste Apostolische Schreiben von Papst Franziskus. Hier spricht eine Stimme, die das trotzige Schweigen der Macher aufrüttelt. Denen, die der Gnade nicht bedürfen und  meinen, sie könnten das Heil unter Berufung auf ihre eigenen Werke eigenmächtig herstellen, redet Johannes der Täufer in Gewissen.

Eine Besonderheit wird in der Bußpredigt des Johannes noch deutlich: er nennt beide Parteien des religiösen Lebens, die Konservativen wie die Progressiven (Pharisäer und Sadduzäer) eine Schlagenbrut. Es wird ihnen nichts nützen, sich auf Abraham zu berufen, auf ihre ererbte Zugehörigkeit zum auserwählten Volk. Beide Parteien müssen umkehren! Keine kann sich auf eine sichere Tradition berufen. Zugehörigkeit und Herkunft allein sind keine Garantie für das Heil. In unsere Zeit übersetzt: der Taufschein als Zeichen der Erwählung und Gnade Gottes hat keine magische Wirkung, sondern ist Geschenk und Anspruch zugleich: Ändere Dein Leben! Kehr um zum Guten!

Adventszeit ist immer eine Zeit der Entscheidung und des inneren Umbaus. Einen Raum sollen wir bereitstellen für die Ankunft Gottes – für die Gnade. Aus eigener Kraft werden wir die neue Welt nicht herstellen können, selbst dann nicht, wenn wir uns zu moralischen Hochleistungen durchringen. Was wir haben und erreichen – immer ist alles Gnade und Geschenk.

 

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

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