Glaube – ein Schwebezustand zwischen Gewißheit und Zweifel

Glaube – ein Schwebezustand zwischen Gewißheit und Zweifel

Predigt am 3. Adventsonntag im Lesejahr A – am 15. Dezember 2013
Lesungen: Jes 35,1-6a / Jak 5,7-10 / Mt 11,2-11
Liturgie und Lesungen (hier)
Am Ende des Textes besteht die Möglichkeit, die Predigt anzuhören – durch Klicken auf das kleine Dreieck links im schwarzen Balken

Jesus hat nur selten über andere Menschen gesprochen. Häufig redete er über seinen Vater im Himmel und über das Reich Gottes. Dass er einmal lobende Worte über einen Heiden, den Hauptmann von Kapharnaum, fand, war eher nicht zu erwarten: „Wahrlich, einen solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden“ sagte er (Mt 8,10). Im heutigen Evangelium spricht nun Jesus über Johannes den Täufer. Dieser ist für ihn eine beispielhafte Gestalt. Das Bild vom Schilfrohr benutzt Jesus, um auszudrücken, wie unbeugsam Johannes ist. Er ist ein Mann der Treue und Standfestigkeit, kein verweichlichter Mensch, keiner, dem es um Luxus und Bequemlichkeit geht, keiner, der sich von Eitelkeiten bestimmen lässt.

Wenn Jesus  diese Eigenschaften an Johannes hervorhebt, hat das für uns etwas zu bedeuten. Denn solche Wesenszüge widersprechen dem Diktat unserer Zeit, allem Neuen und Modischen nachzulaufen und nicht mehr zu prüfen, was einem die Menschen im Leben alles so zuspielen.

Allerdings möchte man dann doch wissen, mit wem man es zu tun hat: „Wer ist dieser Mann? Wer ist diese Frau?“. Diese Frage stellen wir, wenn es z.B. in der Politik darum geht, einen Kandidaten für die nächste Wahl zu präsentieren.

Als Jesus über Johannes den Täufer redete, war dieser im Gefängnis. Von dort ließ er eine vergleichbare Frage an Jesus herantragen, die uns bis heute seltsam anrührt: „Bist du der, der da kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Man hat an dieser Frage herumgerätselt. War Johannes an Jesus irre geworden? Begann auch er zu zweifeln, weil Jesus so ganz anders auftrat, als er ihn verkündet hatte? Hatte ihn die Ungeduld ergriffen, weil Jesus sich nicht eindeutig als Messias proklamieren ließ? Oder hat er seine Frage aus erzieherischer Absicht  gestellt, um seine Jünger noch mehr für Jesus zu interessieren?

Dass Jesus an der Frage des Täufers nichts auszusetzen hat, beweisen seine Worte des Lobes über ihn. Die Johannes-Frage: „Bist du es“, ist die Frage aller Jahrhunderte geblieben. Darum gilt es, auf die Antwort zu hören, die Jesus selbst gegeben hat. Jesus sagt nicht einfach: „Ja, ich bin es“ oder „Ich bin es nicht“, sondern er verweist auf Zeichen und Machttaten und auf sein Wort. Er beantwortet die Frage des Täufers damit, dass er zum Sehen und zum Hören auffordert. Freilich merkt der Kundige, dass Jesus sich in seiner Antwort auf Prophezeiungen des ersten Testamentes (AT) beruft. Die 1. Lesung enthält jene Jesajastellen, in denen das Wirken des kommenden Messias vorausgesagt wird. Um zu erkennen, wer dieser Mann Jesus wirklich ist, muss man also die ganze Hl. Schrift befragen, muss man sehen und hören und in großer Offenheit des Herzens Ausschau halten nach dem verheißenen Retter. Das „Selig, wer an mir nicht Anstoß nimmt!“, deutet auf diese Bereitschaft des Herzens hin.

Diese Seligpreisung macht uns Fragende nun alle zu Befragten. Nun müssen wir uns entscheiden, für wen wir Jesus halten, wie wir zu ihm stehen wollen. Wer ist Jesus für mich? Mein Glaube sagt: er ist die Ankunft Gottes, das Ent-gegen-kommen Gottes, seine Selbstoffenbarung in unserer Menschenwelt. Er ist Gottes großer und einziger Advent. Er ist zweifelsfrei die untrügliche Hoffnung auf die Vollgestalt des Lebens.

Ich erinnere mich an eine Begegnung mit zwei jungen Menschen. Sie sprachen mich auf der Straße an. Der eine zeigte mir ein Büchlein mit dem Titel: „Erkenntnis, die zum ewigen Leben führt“. Er fragte mich, ob ich diese Erkenntnis hätte. Ich antwortete spontan: Ja, ich sei Christ und dies würde mir genügen; ich fühlte mich gut versorgt und beheimatet im Glauben und hätte genügend Erkenntnis darüber. Erst als ich weitergegangen war, wurde mir der Mut meiner Antwort klar: und dankbar erinnerte ich mich, dass es ja wirklich so ist, dass uns Christen durch die Offenbarung des Mensch gewordenen Gottes alle Weisheit und Erkenntnis geschenkt wurde. Wir haben Zugang zum Vater im Himmel – es fehlt uns nichts. Nur müssen wir diese Erkenntnis trotz bleibender Zweifel im Glauben festhalten und bewahren. Unsere Sache wird es immer sein, wie Jakobus in der 2. Lesung gesagt hat: geduldig auszuhalten, bis er kommt, bis er sich endgültig offenbart – in der Herrlichkeit des Vaters.

Bald feiern wir Weihnachten. Richten wir doch noch entschlossener unseren Blick auf Christus und folgen wir nicht dem Megatrend unserer Zeit, der sich vor gut einem Monat in einer fragwürdigen Szene verraten hat.

Sebastian Vettel, der schier unbesiegbare Formel-1-Rennfahrer, hatte sich nach seinem Sieg in Indien in einer Geste der Verehrung, ja fast Anbetung, vor seinem Rennwagen niedergeworfen. Man kann seine Begeisterung verstehen. Aber Vettel war hier nur ein Symptomträger für eine weit verbreitete Einstellung in unserer Gesellschaft. Wir verneigen uns zu gern vor den Werken unserer Hände  – in diesem Fall vor dem technischen Wunderwerk Rennauto. Ohne es zu merken, verehren wir sie wie einen Gott. Solche Götter aber können unsere wirklichen Fragen nicht beantworten.

Nur vor einem soll sich der Mensch verneigen: vor dem menschenfreundlichen Gott. Er ist es, an dessen Kommen  wir im Advent erinnern. Er kam und wird wieder kommen, um uns zu befreien. Ordensleute und Priester beten deshalb bei ihren Pflichtgebeten jeden Morgen als erstes den Psalm 95. Und darin wird die immer gültige Einladung ausgesprochen: „Kommt, lasst uns niederfallen, uns vor ihm verneigen, lasst uns niederknien vor dem Herrn unserem Schöpfer. Denn er ist unser Gott!“

Manchmal denke ich, wir könnten von den Muslimen lernen. Sie haben die alte Geste der Verehrung und Anbetung bewahrt, wenn sie sich fünfmal am Tag vor Gott verneigen. Unsere fast vergessene Kniebeuge beim Betreten eines Gotteshauses könnte eine Renaissance vertragen.

 

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

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