Der Christ – ein Zeichenleser

Der Christ – ein Zeichenleser

Predigt am 4. Adventsonntag im Lesejahr A – 22. Dezember 2013
Lesungen: Jes 7,10-14 / Röm 1,1-7 / Mt 1,18-24
Liturgie und Lesungen (hier)
Am Ende des Textes besteht die Möglichkeit, die Predigt anzuhören – durch Klicken auf das kleine Dreieck links im schwarzen Balken

Unser Weg durch den Advent geht zu Ende; die vierte Kerze ist am Adventskranz angezündet. Je näher man einem bevorstehenden Fest kommt, desto aufmerksamer geht man durch die Tage, um nicht noch in letzter Minute Wichtiges zu vergessen. Wie wird es in diesem Jahr werden? Habe ich alles vorbereitet?

Unser Leben gleicht in vielem einer Reise. Auch da kommt es darauf an, die Zeichen und Hinweise am Weg nicht zu übersehen, sie zu lesen und zu deuten. Vergleichbares  tun wir immer dann, wenn wir unsere Lebenswelt im Licht des Evangeliums betrachten. – Haben Sie die Zeichen verstanden, von denen eben die Rede war? Ist Ihnen aufgegangen, welche Wegweisung uns von Gott gegeben wird? Versuchen wir sie gemeinsam zu lesen.

 

Der Prophet Jesaja, der ungefähr sieben Jahrhunderte vor Christus ge­lebt hat, spricht zu seinen Landsleuten in einer Krise. Die Regierung, das ist das Königshaus David, ist ins Schleu­dern geraten. Innere Zwistigkeiten und äußere Bedrohungen durch Nachbarvölker wachsen an und lassen das Schlimmste befürchten. König Ahas weiß nicht mehr ein und aus und greift zu letzten Mitteln, wie sie allgemein in der Politik üblich sind: er will durch eine geschickte Bündnispolitik – sogar mit den heidnischen Nachbarvölkern – dem drohenden Chaos entgehen. Gleichzeitig lässt er die Verteidigungsmauern in Jerusalem verstärken.

Aber er ist auch ein frommer Mann. Er ringt im Gebet um Klarheit. Als König des Gottesvolkes in Juda spielt er sogar eine Zeit lang mit dem Ge­danken, Jahwe um ein Zeichen zu bitten, aber er zögert und will Gott nicht versuchen. Er sagt: „Ich will um nichts bitten und den Herrn nicht auf die Probe stellen“. Möglicherweise hat er Angst, das Zeichen von Gott könnte seine Pläne durchkreuzen, Gott könnte einen ganz anderen Plan mit ihm haben.

Da tritt der Prophet Jesaja auf. Er kritisiert das Königs­haus David wegen mangelnden Glaubens und kündigt seiner­seits ein Zeichen an: Eine Jungfrau stellt er in den visionären Blickpunkt. Sie wird ein Kind empfangen, einen Sohn gebären, der einen rätselhaften und ungewöhnlichen Namen tragen wird – er soll Immanuel heißen. Die Zeitgenossen wissen, was dieser Name besagt, nämlich: „Mit uns ist Gott!“

Alle sollten auf dieses Zeichen achten. Wenn es sichtbar wird, sollen die Menschen erkennen: auch in größter Ge­fahr und in höchster Not ist kein Grund zur Verzweiflung, kein Anlass, den Glauben aufzukündigen. Auch in ausweglosen Situa­tionen ist Gott „mit uns“.

So redet Jesaja zum König. Dann vergehen Jahre und nach Rettung sieht es nicht aus. Im Gegenteil. Das Königshaus David geht un­ter. Juda und Israel, die beiden Reiche, erleben eine nationale Katastrophe. Fremde Völker aus dem Osten zerstören die hl. Stadt Jerusalem. Die Bewohner werden in die Gefangenschaft nach Babylon verschleppt. Dort erzählen sie einander die alten Hoffnungsgeschichten – auch die der Propheten. Sie halten trotz allem fest an den alten Verhei­ßungen – über lange Jahre des Wartens.

Da wendet sich das Geschick. Nach zwei Generationen lässt der heidnische Perserkönig Kyrus die Gefangenen frei. Sie dürfen in ihre Heimat zurück. Die zerstörte Stadt Jerusa­lem bauen sie wieder auf und sie fangen wieder an, als freies Volk zu leben.

Und wieder vergehen Jahre und Tage. Inzwischen haben die Menschen von Jesaja gelernt, dass bei Gott 1000 Jahre wie ein Tag sind, dass Gottes Zeiten nicht immer unsere Zeiten sind. Aber sie halten an der Verheißung einer besseren Friedenszeit fest. Sie erwarten immer noch das Zeichen der Jungfrau mit ihrem Sohn, wie es Jesaja vorausgesehen hat.

Dass in der Fülle der Zeit die alte Verheißung wahr wird, wissen wir durch den Evangelisten Matthäus. Er schreibt die Geschichte so auf. In Nazareth lebt eine junge Frau namens Maria. Ihr wird durch einen Boten Gottes eine außergewöhnliche Geburt angekündigt: sie soll einen Sohn zur Welt bringen und ihm den Namen Jesus geben. Das ist ein ähnlicher Name wie Immanuel.

Der Mann Josef, der diese Frau begleitet, ist ein Nachkomme Davids. Er erfährt im Traum eine überraschende Deutung dieser ungewöhnlich angekündigten Geburt: Das nämlich ist genau das Zeichen, von dem Jesaja damals gesprochen hatte. Jesus ist der Immanuel. Die beiden Namen „Jesus“ und „Immanuel“ besagen: Gott rettet, weil er ein Gott ist, der mit uns sein will.

Der Zusammenhang wird deutlich: Gott steht immer auf der Seite des Menschen. Und wenn der Herrscher über alle Mächte und Gewalten sich so zu uns Menschen verhält, dann ist das gleichbedeutend mit Rettung – Rettung vor allen fremden und zerstörerischen Mächten und Gewalten, Befreiung von aller Sklaverei. Jetzt kann Josef zu Maria stehen. Er braucht sie nicht heimlich verlassen, wie er vorhatte. Er glaubt der Botschaft des Engels, die lautet: Gott selbst kommt jetzt zu den Menschen mit einem Menschenantlitz. Aus dem Hause Davids kommt der Retter der Welt – von einer Jungfrau wird er geboren, wie damals der Prophet geschaut hatte. Die Frau mit dem Kind ist das Zeichen: von Jesaja angesagt, dem Josef im Traum erschlossen und uns heute vor Augen ge­stellt im Bild der Mutter Gottes mit ihrem göttlichen Kind.

In wenigen Tagen feiern wir die Geburt dieses Kindes. An diesem traditionsreichen Fest richten wir jedes Jahr unseren Blick auf Krippen und sehen dort Jesus, Maria und Josef. Das soll uns erinnern, dass dieses Kind in der Krippe mit dem rätselhaften Namen „Gott rettet – Gott ist mit uns“ das Zeichen Gottes auch für uns ist

Die Botschaft dieses Zeichens lautet dann auch heute noch: Seid ohne Angst vor der Zukunft, seid nicht traurig, seid ohne Sorge, sondern freut Euch. So wie König Achaz keine Angst hätte haben brauchen, obwohl äußerlich alles in Scherben ging – die Geschichte hatte es später doch gezeigt: Gott rettet – zu seiner Zeit. Er führt in Gefangenschaft und führt auch wieder heraus. Er hat in der Geschichte das Sagen. Er geht alle Menschenwege mit. Er ist ein „Gott mit uns“.

Wir werden an Weihnachten auch einen alten Jubelruf hören: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Auf seinen Schultern ruht die Herrschaft“. Wenn wir dieser Ver­heißung trauen, schmelzen unsere Sorgen dahin – wir sind frei zu handeln und zu leben. Nicht wir sind die Herren unseres Schick­sals und der Welt – wir sind die Geführten und Behüteten, die nur mitwirken können an unserem Geschick. Ein anderer, Gott selber, wird herrschen und alles zum Guten lenken.

Bleiben wir bis zum Fest noch in der Haltung der Erwartung und Zuversicht. Was wir feiern werden, ist nicht nur ein frommer Brauch, sondern die Botschaft, auf die die Welt wartet. Unübertroffen hat es der evangelische Theo­loge Dietrich Bonhoeffer gesagt: Gott ist mit uns – am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

 

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

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