Gott besucht sein Anwesen

Gott besucht sein Anwesen

Fest der Geburt des Herrn – Weihnachten – 25. Dezember 2013
Liturgie und alle Lesungen (hier)
Am Ende des Textes besteht die Möglichkeit, die Predigt anzuhören – durch Klicken auf das kleine Dreieck links im schwarzen Balken

 

Eine anprechende Weihnachtspredigt ist ein riskantes Abenteuer. Man kann sich schnell in vordergründige Fragen verlieren,  z.B. durch moralische Entrüstung und Kritik am Konsumverhalten der Mitmenschen. Das Fest sei eben ganz und gar säkularisiert worden. Oder man bedient romantische Krippengefühle; die bekanntesten Weihnachtslieder befördern solche Stimmungen. Auch der anhaltende Theologenstreit, wo denn nun Jesus wirklich geboren sei, in Bethlehem oder doch in Nazareth, könnte Thema sein. Aber dies alles geht am Kern der Botschaft vorbei. Selbst die unterschiedlichen biblischen Texte der Evangelisten Lukas, Matthäus und Johannes, die von dem Ereignis der Menschwerdung Gottes erzählen, zwingen den Prediger zu einer Auswahl. Er muss sich entscheiden und persönlich bedenken, worauf es ankommt, um den Kern der Weihnachtsbotschaft nicht zu verfehlen.

Kein christliches Fest ist so tief in die Erlebniswelt der Menschen eingedrungen wie das Fest der Geburt Christi. Ein immer mitgehörter Hauptsatz lautet: Gott hat die Welt bejaht. Er kam „in sein Eigentum“ (Jo 1,11). Das bedeutet: Wir selbst, unsere Welt, unsere Erlebnisse, alles, was sich mit uns ereignet, ist eigentlich nicht unser Eigentum, sondern seine Schöpfung, sein großes Geheimnis, sein An-wesen. In all dem waltet Gott. Das schöne bayerische Wort Anwesen für Haus und Grund eines Bauern bedeutet ja beides: das juristische Eigentum und zugleich der Ort, in dem der Eigentümer „anwesend“ ist! So ist Gott in seiner Welt verborgen da. Und unser Leben besteht darin, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Wie aber soll das gehen?


Vor allem – durch die Einübung der Freude! Gerade eben hat Papst Franziskus leidenschaftlich an die Freude als Grundhaltung der Christen appelliert. Freude kann man einüben. Es gibt Gründe dafür, dies zu tun. Gott sprach durch seinen Engel zu den Hirten: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkünde euch eine große Freude“ (Lk 2,10). Da müssen wir etwas näher an Bethlehem heranrücken, um das zu verstehen. Dort, so erzählt der Evangelist Lukas, kam ein Menschenkind in Armut und Niedrigkeit zur Welt. Dies war trotz des offenkundigen Elends kein Anblick zum Fürchten, sondern ein Anblick, der das Herz froh macht. Wir kennen diese Freude, wann immer wir Gelegenheit haben, an der Wiege eines Neugeborenen zu stehen. Kinderaugen stecken an!  Haben wir denn das vergessen?

Gewöhnlich ist unser Leben glanzlos. Bei traurigen Anlässen gibt man sich traurig, bei fröhlichen fröhlich. Das Leben „verengt sich“ in uns und wird farblos, langweilig. Der Mensch schleppt sich voran – von einem Tag zum anderen. Viele Ursachen sind uns bekannt: zu viel Arbeit, Einsamkeit, Krankheit, Trennung von einem geliebten Menschen. Dazu kommt manchmal die scheinbare Unvereinbarkeit des Glaubens mit der erfahrenen Wirklichkeit. Manches Jahr ist wirklich zum Fürchten!

Dennoch spricht in diesen grauen Alltag der Engel der Weihnacht Gottes Wort hinein: „Fürchtet euch nicht! Ich verkünde euch große Freude“!

Die Übung der Freude besteht darin, diesem Wort Glauben zu schenken, sich wenigstens für einen Atemzug zu lösen von den lastenden Sorgen. „Wirf deine Sorgen auf den Herrn! Er wird dich retten“, heißt es im Psalm 55 (Psalm 55,23). Manchmal muss man sich eine Ruck geben und die Eiskrusten, die das Herz wie einen Panzer umgeben, wegsprengen, damit die Freude Raum gewinnt in unserem Herzen.

Und was kann man noch tun, wenn dies nicht gelingt?

Einer alten Erfahrung trauen, die jeder von uns kennt: wer anderen Menschen absichtslos eine Freude macht, wird selber froh. Davon können die vielen Ehrenamtlichen in Kirche und Gesellschaft ein Lied singen. Die Melodie heißt: tu etwas Gutes und Du wirst Gutes erleben. Schenke Freude und die Freude wird in dein Herz zurückkehren.

Das ist die Logik des Weihnachtsfestes: dass wir im Rahmen unseren Möglichkeiten anderen Freude bereiten – und dabei unversehens selber froh werden. Hierin liegt der eigentliche Grund für den ganzen Aufwand an Geschenken, den wir immer noch treiben. Wir wollen einander etwas Gutes tun.

In unseren Tagen fällt es vielen Christen schwer, zu glauben und ein religiöses Leben zu führen. Manche meinen, nicht mehr beten zu können, weil alles so lastend geworden ist, weil Gott sie offenbar im Regen hat stehen lassen und weil seine Kirche zunehmend Vertrauen verloren hat. Auch in dieser Situation können wir immer noch versuchen, einem anderen Menschen eine Freude zu machen. Mag sein, dass es einem dann – jenseits aller frommen Veranstaltungen – wie Schuppen von den Augen fällt und man wirklich wahrnimmt, was Jesus gesagt hat: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“ (Mt 25,40)

In solchen Momenten kommt Gott uns näher, als wir uns das vorstellen können. Man darf ja nicht vergessen, dass die Menschen sehr lange gebraucht haben, bis sie erkannten, wer da eigentlich in Bethlehem geboren worden war. Auch die Hirten sahen nur das neugeborene Kind armer Leute. Erst nach dem Tod und  der Auferstehung Jesu dämmerte seinen Jüngern, mit wem sie eigentlich drei Jahre lang unterwegs waren. Und auch dann dauerte es noch lange Jahrzehnte, bis 325 die in Nizäa in der heutigen Türkei versammelten Bischöfe feierlich bekannten: Der in Bethlehem geborene Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch!

Ob die Menschheit im 3. Jahrtausend begreifen wird, was dieses Ereignis für sie bedeutet, das steht noch offen. Deshalb müssen wir uns wenigstens einmal im Jahr daran erinnern lassen, welche Botschaft damals von Bethlehem ausging: in einer neuen Übersetzung lautete sie: „Alle Ehre gehört Gott im Himmel! Sein Friede gilt allen auf der Erde, die sich von ihm lieben lassen!“ Wenn das kein Grund zur Freude ist – das Angebot, sich lieben zu lassen, ist doch eine unglaubliche Entlastungsbotschaft!

Wir müssen nur immer wieder heruntersteigen von unseren stolzen Thronen und Gott den Platz einräumen, der ihm gehört, ihm die Ehre erweisen, die ihm gebührt als dem Herrn der Welt, der in seinem Anwesen an-wesend ist. Bei Maria und Josef hatte die alte Versuchung zum Stolz keine Chance. Ihre Haltung war demütige Annahme. So haben sie die Anwesenheit Gottes in ihrem Kind erahnt und geglaubt.

Zur Übung der Freude gehört schließlich auch zu lernen, dass unsere Möglichkeiten begrenzt sind, dass wir manches Elend in unserem Leben und in dieser Welt genauso aushalten müssen, wie wir das Ärgernis der Menschwerdung Gottes in elenden Verhältnissen in Bethlehem aushalten müssen.  Wir hätten ja weiß Gott ganz andere Vorkehrungen getroffen, hätte der Herr seine Ankunft in seinem Anwesen vorher angemeldet. In Wirklichkeit steht er aber, wie der Täufer Johannes sagte, bereits mitten unter uns – und wir kennen ihn noch immer nicht (vgl. Joh 1,26). Wer in der Einübung der Freude nicht nachlässt, dem gehen die Augen auf, der erfährt so etwas wie Licht im Dunkel und kann – manchmal erst im Nachhinein – dankbar feststellen: Wahrlich, Gott ist mitten unter uns. Er ist im Fleisch erschienen und hat unter uns gewohnt. Der Wunsch „Frohe Weihachten“ ist also keine Floskel, sondern Ausdruck einer befreienden Wahrheit, die wir einander zusagen: Gott hat sich zu uns gesellt und uns das innersten Geheimnis seiner Liebe zu uns offenbart. Er kam in sein Eigentum, in sein Anwesen – und wir sind seither seine Hausgenossen, wie Paulus sagte. Vergessen sollten wir das nie wieder.

 

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

Print Friendly, PDF & Email