Silvester – Jahresabschluss

Innehalten am letzten Tag des Jahres – Silvester31. Dezember 2013
Schriftlesung: 1 Joh 2,17-21; Joh 1,1-18
Am Ende des Textes besteht die Möglichkeit, die Predigt anzuhören – durch Klicken auf das kleine Dreieck links im schwarzen Balken

Am letzten Tag des Jahres steht im liturgischen Kalender der Gedenktag des Papstes Silvester I. Die Welt hat diesen Tag zum Silvestertag gemacht. Einen inhaltlicher Bezug zur kirchlichen Tradition gibt es nicht mehr, es sei denn, dass um Mitternacht noch die Glocken läuten und in den Pfarreien am Abend noch eine Jahreschlußmesse angeboten wird. Weil dieser Tag 2013 auch noch in die Weihnachtsoktav gefallen ist, wurden beim Gottesdienst noch einmal der Johannesprolog und Textpassagen aus dem 1. Johannesbrief vorgetragen.

Papst Silvester war ein Mann, der die Weltgeschichte geprägt hat. 314 begann sein Pontifikat. Am 31. Dezember 335 starb er. Nach einer frühmittelalterlichen Legende soll er den kranken Kaiser Konstantin den Großen vom Aussatz geheilt und getauft haben. So dokumentiert es die „Konstantinische Schenkung“, eine gefälschte Urkunde, wie sich später herausstellte. Zum Dank für die Heilung soll Silvester von Konstantin das sogenannte „Patrimonium Petri“ als Geschenk erhalten haben, das die Grundlage des späteren Kirchenstaates bildete. Konstantin hatte aber bereits 313 im Toleranzedikt von Mailand das Christentum offiziell erlaubt und dem Vorgänger Silvesters das Gelände des heutigen Lateran übergeben.

Silvester allerdings war es, der über dem Petrusgrab in Rom, im Gräberfeld des Vatikanischen Hügels, die erste Petruskirche erbauen ließ. Mit diesem Bau sollte verdeutlicht werden: wo Petrus war, soll auch der „Bischof der Bischöfe“ sein, nämlich in Rom und nicht in Byzanz, wo sich der Kaiser selbstherrlich zum „Bischof der Bischöfe“ ausgerufen hatte. Der spätere Kirchenstaat – ein kleiner Rest davon ist der heutige Vatikan – war also die materielle Grundlage für die Ausbreitung des Glaubens geworden. Das verkündigte Wort Gottes allein wäre im Laufe der Zeit wie jede andere Idee verloren gegangen.
Bei der ersten größeren Kirchenverrsammlung, beim Konzil von Nicäa 325, nahm Papst Silvester nicht teil. Er ließ sich durch zwei Priester vertreten. In Nizäa waren fast ausschließlich Bischöfe aus dem Osten anwesend, nur sieben aus den lateinischen Kirchen des Westens. Das erste Glaubensbekenntnis von Nizäa hat aber der Bischof von Rom dann auch für alle  Bischöfe des Westens verbindlich übernommen.

Jede geistige Wirklichkeit sucht ihre materielle Entsprechung. „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ beten wir im „Engel des Herrn“. Vor diesem Hintergrund ist eine radikale „Entweltlichung“ undenkbar. Wie hätte denn sonst der Mensch gewordene Sohn Gottes sich in seiner damaligen Welt verhalten sollen? Wie ein interessierter Welttourist, der mal gerade aus launischem Interesse seine Schöpfung besucht und sich weiter nicht um den Lauf der Dinge und um das Geschick der Menschen kümmert? Menschwerdung war zugleich „Weltwerdung“.

Im Anfang war das Wort, reiner Geist, materielos, bis zur „Schöpfung aus dem Nichts“ (creatio ex nihilo). Die Schöpfung Gottes war eine Weltwerdung und Materiewerdung des Geistes. Von jetzt an kann kein Mensch mehr den Gestaltungsauftrag – mit allen damit verbundenen materiellen, politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Fragen unter Berufung auf Weltdistanz beiseite schieben. War er doch schon dem ersten Menschen zugemutet worden (vgl. 1 Mos 1,26).

Wie aber soll man dann die Empfehlungen zur Abwendung von der Welt im 1. Johannesbrief verstehen? Wie ein Stachel im Fleisch nehmen sich da die Sätze aus: „Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist. Wer die Welt liebt, hat die Liebe zum Vater nicht!“ (1 Joh 2,15). Wie soll man die unaufhebbare Spannung „in der Welt, aber nicht von der Welt“ leben?

Viele Versuche hat die Kirchengeschichte hervorgebracht. Auch der genialste Versuch des Hl. Benedikt für eine „arbeitsteilige“ Tagesordnung zwischen Arbeiten und Beten ist eben doch nur für Menschen lebbar, die sich einer Ordensgemeinschaft anschließen.
Der sog. „Weltmensch“ kann sich nur in einem geordneten religiösen Leben, was ohne Teilnahme an einer Glaubensgemeinschaft (Pfarrei oder geistliche Gemeinschaft) nicht möglich ist, einigermaßen in der Balance halten. Exerzitien, Besinnungstage, theologische Fortbildung können dabei helfen.

Am Ende des Jahres 2013, am Silvestertag und am 7. Weihnachtstag wäre eine Standortbestimmung anzuraten: Wie ist mein ganz persönliches Verhältnis zur Welt? Bin ich ihr in irgendeiner Weise dann doch verhaftet, vor allem in ihren drei Grundgefährungen: Habsucht, Genußsucht, Macht?, oder kann ich mich lösen und wenigstens ab und zu das Herz dort verankern, wo es hingehört, in die Hand des himmlischen Vaters. Im täglichen Mühen, das Mögliche an Weltgestaltung zu tun und gleichzeitig zu wissen, dass ich nicht das Heil der Welt und die Erlösung des Menschen herstellen kann, macht bescheiden und weist den Menschen jenen Platz im Gesamt der Schöpfung an, der ihm gebührt.

Denn die Worte Jesu aus dem Johannesprolog bleiben gültig:  “Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus“ (Joh 1,16-17)

 

Wer eine Predigt zum 01. Januar (Neujahr – Hochfest der Gottesmutter) sucht, findet sie (hier)

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