Wer war er – Jesus von Nazareth?

2. Sonntag im Jahreskreis – Lesejahr A – 19. Januar 2014
Lesungen: Jes 49,3.5-6 / 1 Kor 1,1-3 / Joh 1,29-34
Liturgie  (hier)

Am Ende des Textes besteht die Möglichkeit, die Predigt anzuhören – durch Klicken auf das kleine Dreieck links im schwarzen Balke

Wer war Jesus von Nazareth?
Eine Dokumentation
auf youtube (Spiegel-TV)

Jesus Christus
Was sagt er über sich selbst?

Bilder von Jesus Christus

Jesus Christus
im Ökumenischen Lexikon

 

„Er ist der Sohn Gottes. Das habe ich gesehen!“ So einfach bezeugt es der Autor des Johannesevangeliums.

 

Damals wurde viel über Jesus von Nazareth gesprochen und einiges auch aufgeschrieben. Aber heute ist die Bücherflut unüberschaubar und wer im Internet bei Google nachschaut, wird geradezu überflutet von Einträgen (eine kleine Auswahl rechs vom Bild). Wenn ich dem Evangelisten Johannes nicht blind vertrauen möchte, wo finde ich dann die richtige Antwort auf die uralte Frage: Wer war Jesus von Nazareth wirklich? Welche Bedeutung hat er für die Kirche und die Welt von heute, welche auch für mich?

Die meisten Theologen schaffen es nicht, die Zweifel des modernen Menschen auszuräumen. Auch die 800 Seiten starke „Katholische Dogmatik“  des künftigen Kardinals Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, hat mir nicht viel geholfen, weil seine Sprache in manchen Passagen kaum zu verstehen ist – hochphilosophisch, abstrakt. Zudem setzt er ein Grundwissen über theologische Fragen und die Bibel voraus.  Aber den meisten Menschen ist die kirchliche/religiöse Sprach- und Lebenswelt fast völlig verloren gegangen. Ein evangelischer Pastor hat vor kurzem über die Bevölkerung in der ehemaligen DDR gesagt hat: „Sie haben bereits vergessen, dass sie Gott vergessen haben …“. Viele werfen der Kirche deshalb auch vor, sie würde mit ihren immer gleichen Aussagen niemanden mehr erreichen.

Diese Not, etwas Glaubwürdiges über Jesu von Nazareth zu sagen, hat es allerdings schon immer gegeben. Ein Bischof aus dem 4. Jahrhundert, Hilarius von Poitiers, bekennt einmal sein Problem mit folgenden Worten: „Mit meinen ungeschickten Worten versuchte ich, die unaussprechlichen Mysterien zu erklären. An die Zufälligkeiten der menschlichen Sprache lieferte ich die Geheimnisse aus, die eigentlich in der gläubigen und ehrfürchtigen Seele verwahrt bleiben müssten“. (Hilarius, Über den Glauben, An die Arianer).

Interessant zu wissen ist, dass zu Lebzeiten dieses Bischofs ein heftiger Streit über die Person Jesu im Gang war. Ein kleinasiatischer Kleriker, Arius, vertrat die Ansicht, Jesus könne man nur mit Vorbehalt Sohn Gottes nennen. Denn Gott sei das absolute, höchste Sein. Im Gegensatz zu ihm stehe die Welt des Geschaffenen und dazu gehört als Geschöpf auch Jesus von Nazareth. Gott kann sein Wesen keinem Geschöpf mitteilen; denn sonst gäbe es zwei Götter. Zwischen Gott und der Kreatur bestehe eine unüberbrückbare Kluft. Gott Vater und Gott Sohn sind zwei verschiedene Wesenheiten. Seiner Natur nach konnte Jesus auch von Gott abfallen. Er hat sich aber bewährt, und darum hat Gott ihn durch Adoption als Sohn angenommen, so dass er zwar Gottes Sohn, ja Gott genannt werden könne, in Wirklichkeit aber nicht ist. Das Anliegen des Arius war durchaus ernst. Er wollte die Einheit und Einzigartigkeit Gottes retten. Wäre Jesus auch Gott, dann gäbe es zwei Götter nebeneinander und dies sei undenkbar.

Der Streit dauerte lange und wurde erstmals auf dem Konzil von Nizäa 325 auf Druck des damaligen Kaisers Konstantin des Großen vorläufig beigelegt. Konstantin war inzwischen Kaiser von Ost- und Westrom und sah die Einheit des Reiches gefährdet, falls die Christenheit sich in dieser Frage um Jesus zerstreiten sollte. Deshalb berief er die Kirchenversammlung ein – ein für heutige Verhältnisse ungewöhnlicher Vorgang. Man stelle sich vor, irgendein Staatmann würde die Christenheit zu einem Konzil zusammenrufen und zu einheitlichen theologischen Aussagen drängen.

Die 300 in Nizäa versammelten Bischöfe legten sich zwar auf eine einheitliche Aussage über Jesus fest, die wir heute noch – übrigens in allen christlichen Konfessionen – im Credo bekennen: „Wir glauben an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn … eines Wesens mit dem Vater“. Aber es dauerte noch Jahrzehnte, bis der Streit in der Kirche beendet wurde. Bei den germanischen Völkern lebte der Arianismus bis ins 5. Jahrhundert weiter und wurde erst nach dem Übertritt des fränkischen Königs Chlodwig zum katholischen Glauben überwunden.

Manchmal hat man den Eindruck, dass die Menschen unserer Tage das gleiche Problem quält. Wenn Jesus wahrer Mensch ist, wie kann er gleichzeitig wahrer Gott sein? Steht er wirklich auf unserer Seite oder steht er uns gegenüber auf der Seite Gottes und tut nur so, als ob er ein Mensch wäre? Manche Aussagen über Jesus, die ihn als liebenswerten und sympathischen Mitmenschen, als großen Versteher unserer menschlichen Gebrechen und Fehler rühmen, vergessen, dass man sich vor ihm auch verneigen muss, dass er „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott“ ist (vgl. Großes Glaubensbekenntnis). Leicht kommt es zu einem menschlich verständlichen, oft gar kumpelhaften Verhältnis zu ihm, unserem „lieben“ Menschenbruder und Freund Jesus, wie wir manchmal etwas voreilig beten.

Ein Blick in die Lesungen des heutigen Sonntags könnte unser angefochtenes Denken und Sprechen korrigieren.

In rätselhaften Worten sagt etwa der Evangelist Johannes über Jesus, er sei das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt. Er sei wirklich der Sohn Gottes. Das habe man erkennen können an den Zeichen bei seiner Taufe: die Lebensmacht Gottes, der Hl. Geist sei über Jesus wie eine Taube vom Himmel herab auf ihn gekommen.

Oder: der Prophet Jesaja lässt ihn im Vorgriff auf sein endgültige Auftreten in der Fülle der Zeit als Licht für die Völker erscheinen, als beauftragten Retter  Israels, der das Heil bis an die Enden der Erde herbeiführen wird – ein universaler Heilsanspruch, den ein Mensch niemals umsetzen könnte. Die Geschichte zeigt, dass es keinem noch so begabten und klugen Menschen gelungen ist und jemals gelingen wird, das Unheil und die Not der Welt und der Menschen endgültig zu wenden. Kein Mensch kann einen Menschen retten und erlösen. Das kann nur Gott.

Wenn also Jesus der Retter und Erlöser der Menschen sein soll, dann muss er Gott sein – und nicht nur ein Mensch. Die Gottheit Jesu aber verlangt von uns eine andere Einstellung als wenn er nur ein gewöhnlicher Mensch wäre. Einen bedeutsamen Menschen könnten wir mit allen Ehren überhäufen, mit Auszeichnungen überschütten und einen Großen der Weltgeschichte nennen, wie etwa Nelson Mandela. Aber er bliebe immer nur ein guter Mensch, der Achtung und Respekt verdiente. Jesus aber ist mehr. Vor ihm, so heißt es im Brief an die Philipper, müssen alle ihre Knie beugen im Himmel, auf der Erde und unter de Erde und jeder Mund (muss) bekennen: Jesus Christus ist der Herr (vgl. Phil 2,5-11).

Mit diesem Gott-Menschen haben wir es zu tun. Er steht als Vermittler auf unserer Seite und gleichzeitig auf der Seite Gottes. Einen besseren Brückenbauer zwischen Gott und dem Menschen gibt es nicht. Zum Glück ist er unser Bruder geworden.

Jetzt kann keiner mehr behaupten, wir Menschen seien von Gott verlassen und den Schicksalsmächten hilflos ausgeliefert. Für das Gelingen unseres Lebens bleibt es also unverzichtbar, dass wir die Verbindung zu Jesus Christus suchen und pflegen. Nur so gelangen wir in den Einflussbereich Gottes selbst, in dem unser irdisches Wohl und unser endgültiges Heil gesichert bleibt.

 

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

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