Schlüsselqualifikationen

4. Sonntag im Jahreskreis – Lesejahr A – 02. Februar 2014
Lesungen: Zef 2,3; 3.12-13 – 1 Kor 1,26-31 – Mt 5,1-12a (Bergpredigt)
Liturgie  (hier)

Heute ist auch das Fest der Darstellung des Herrn (Mariä Lichtmess). Zu diesem Fest finden sie (hier) auch eine Kurzpredigt

 

Die Predigt anhören: durch Klicken auf das kleine Dreieck links im schwarzen Balken am Ende des Textes

Jeder weiß, wie unangenehm es ist, einen Schlüssel zu vergessen oder zu verlieren. Man hat sich selber ausgesperrt und braucht notfalls den Schlüsseldienst.

Viele Räume können wir nur betreten, weil wir einen Schlüssel dazu haben. Und es gibt Zimmer, die wir nur mit besonderer Erlaubnis betreten dürfen, Räume, die uns zeitweise oder für immer versperrt bleiben. Rechtmäßig verurteilte Straftäter kommen hinter Schloss und Riegel. Sie können sich selber nicht befreien. Nur ein anderer, der den Schlüssel hat, kann aufsperren und sie freilassen.

Verschlossene und geöffnete Türen verwenden wir häufig als Bild für Lebensereignisse. Auch in der Welt des Glaubens spielen sie eine Rolle. So wird z.B. der Apostel Petrus oft mit Schlüsseln dargestellt. Man will an das Wort Jesu erinnern, der dem Petrus die Schlüsselgewalt übergeben hat (Mt. 16,19). Er und seine Nachfolger können nun dem Menschen Zugang zum „Gottraum“ – zur heilenden und helfenden Gnade – öffnen.

Ein mit Schlüsseln ausgestatteter Wächter an der Tür kennt die Voraussetzungen, unter denen er Einlass gewähren darf. Er ist im Besitz des richtigen Schlüssels. Von solchen Voraussetzungen – im Management spricht man von sog. Schlüsselqualifikationen – war heute in der Lesung und im Evangelium die Rede.

Nicht irdische Weisheit ist gefragt, nicht Macht und Vornehmheit, nicht Stärke und Ruhm, sondern die jeweiligen Gegenbilder werden erwartet. Was z.B. die Welt törricht nennt, ist eine Einlassbedingung. Die Niedrigen und wenig Beachteten, die Trauernden, die Friedensstifter und die Barmherzigen, kurz alle, die erkennen, wie arm sie vor Gott sind, gehören in die neue Welt Gottes. Ihnen steht die Tür offen.

Der Brief des Apostels Paulus liest sich wie eine Interpretation der Bergpredigt Jesu. Im Herzen des Apostels klang wohl diese Rede Jesu nach. Er hat sie aus vielen Erzählungen immer wieder gehört. Sie wurde im Kreis der ersten Christen häufig zitiert und in Erinnerung gehalten, so wie man eine wichtige Nachricht ständig weiter erzählt. Sie war die Kernbotschaft Jesu, die Quintessenz seiner Lehre.

Die Seligpreisungen sind die christlichen Schlüsselqualifikationen. Sie stellen allerdings das gewöhnliche Denken und Empfinden auf den Kopf. Denn in der Welt gelten andere Maßstäbe:

  • Wer möchte denn arm sein?
  • Wer traurig?
  • Wer gewaltfrei leben, wenn er bedroht wird?
  • Wer kompromissbereit zum Frieden?
  • Wer lässt sich einfach so unterkriegen von den Mächtigen der Welt?

Was Jesus sagt, ist eine Zumutung. Man kann sie eigentlich nur hören, wenn man sich mit Jesus angefreundet hat. Als bloß gesprochenes Wort – ohne Rücksicht auf den Sprecher – stoßen solche Sätze zu Recht auf skeptische Ohren.

So, wie Jesus in seinem dreijährigen öffentlichen Wirken unter den Menschen war – unaufdringlich und doch aufmerksam da, hilfsbereit und nicht plump in seiner Zuwendung, eher zögerlich dort, wo Menschen seine Hilfe erbaten, so werden wir von ihm angerührt. Die Skepsis, seine Worte seien gar nicht zu erfüllen, schwindet. Oft fragte er zum Beispiel die Hilfesuchenden: Was willst Du, dass ich dir tun soll? (vgl. Mk 10,51). Es ist kein Wort von ihm überliefert, das man bei tüchtigen Helfern manchmal hört: „Komm her, das kriege ich schon hin. Ich mache das schon. Da brauchst Du dich nicht zu kümmern!“ Solche Entmündigung liegt Jesus fern.

Er achtet den Geringen, den Schwachen und entdeckt auch in diesem noch eine kleine, wenn auch bescheidene Kraft, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen: dem Gelähmten am Teich von Betesda sagt er sogar: „Nimm deine Bahre und geh“ (Joh 5,89. Er sagt nicht: „Lass mich mal machen. Ich trage Dir Deine Bahre schon. Sei froh, dass Du wieder laufen kannst.“

Wir sollten diese Lebensart Jesu immer wieder anschauen, indem wir in der Bibel lesen. Dann verstünden wir auch seine Kernbotschaft in der Bergpredigt. Es ist ein ganz neuer, ein sehr behutsamer und eher leiser Lebensstil. Es ist die Ehrfurcht vor dem Kleinen und Schwachen.

Alle Worte der Bergpredigt wird wohl kein Mensch beherzigen können. Aber vielleicht finden Sie in einem einzigen Satz ihre besondere Begabung:
Vielleicht sind Sie gerade der Mensch, der Frieden stiften kann, oder einer, der umsichtig und gerecht handelt, oder einer, der Trauernde trösten kann.

Alle diese kleinen täglichen Eigenschaften machen das Besondere des Christen aus. Wer sich darin übt, der hat einen Schlüssel in der Tasche, um in das Reich Gottes zu kommen.

Der Dichter Paul Roth hat einmal versucht, die besondere Lebensführung eines Christen so zu beschrieben.

Einmal am Tag da solltest Du
ein Wort in Deine Hände nehmen – ein Wort der Schrift -.
Sei vorsichtig! Es ist so schnell erdrückt und umgeformt,
damit es passt.
Versuch nicht hastig, es zu „melken“, zu erpressen,
damit es Frömmigkeit absondert.
Sei einfach einmal still.
Das Schweigen, Hören, Staunen ist bereits Gebet –
und Anfang aller Weisheit und Liebe.
Betast das Wort von allen Seiten,
dann halt es in die Sonne und leg es an das Ohr
wie eine Muschel.
Steck es für einen Tag
wie einen Schlüssel in die Tasche – wie einen Schlüssel
zu dir selbst.

 

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

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