Sorgenfrei leben?

Sorgenfrei leben?

8. Sonntag im Jahreskreis – Lesejahr A – 02. März 2014
Lesungen: Jes 49,14-15 / 1 Kor 4,1-5 / Mt 6,24,34
Liturgie (hier)

Die Predigt anhören: durch Klicken auf das kleine Dreieck links im schwarzen Balken am Ende des Textes

Dieses Evangelium von einem sorgenfreien Leben hat schon manchem Christen Kopfzerbrechen bereitet.

Kann man denn überhaupt so leben? Ist das, was Jesu da sagt, nicht doch nur eine fromme Illusion? Nenne mir einen einzigen Menschen, der keine Sorgen hat, sagen uns die Zweifler, dann könnten wir vielleicht an Jesu Worte glauben.

Ein nüchterner Blick auf das gewöhnliche Leben scheint dies zu bestätigen: niemand kann ohne Sorgen leben. Sich sorgen um das tägliche Brot, um Gesundheit, um das gute Fortkommen im eigenen Leben und um die Familienangehörigen und Freunde, um die heute so notwendige „Altersvorsorge“, das alles scheint unausweichlich.

Es gibt viele religiöse und auch säkulare Versuche, dennoch ein sorgenfreies Leben zu erreichen. 1961 begann der Siegeszug eines neuen geistlichen Liedes: “Danke für diesen guten Morgen …. Danke, dass ich all meine Sorgen auf dich werfen mag.” Das Lied wurde mit Begeisterung gesungen. Ob man dem Inhalt aber Glauben geschenkt hat? In den 50iger Jahren begeisterte Dale Carnegie mit seinem Buch “Sorge dich nicht! Lebe!” mehr als 50 Millionen Leser. Aber auch dieser erfolgreiche Lebens- und Karrieretrainer konnte eine völlige Freiheit von Sorgen nicht erreichen.

Was hat denn dann Jesus  gemeint? Woran wollte er uns erinnern? Mit seiner Frage:  „Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern?“ (Mt 6,27) Mit dieser Frage lenkt Jesus unser Augenmerk auf einen größeren Zusammenhang. Es geht darum, das ganze Leben zu überblicken und die aktuellen Sorgen in diese Übersicht einzuordnen. Es geht auch um das Leben der Anderen, es geht um das Leben dieser ganzen Weltveranstaltung. Jesus erinnert daran, dass da ein Gott ist, der über allem steht, der alles ins Dasein gerufen hat und mit seiner liebenden Sorge alle Menschenwege begleitet, unaufdringlich und treu. Gottes Fürsorge wird alles zu einem guten Ende führen. Unsere Mütter und Väter im Glauben kannten noch das dafür gebräuchliche Wort: Vorsehung.

Eigentlich geht es um die Frage, ob wir Gott zutrauen, dass er mehr vermag als wir mit unseren Fähigkeiten und Möglichkeiten?

Glauben wir wirklich daran, dass er „nicht nur die Hand im Spiel, sondern auch das Spiel in der Hand“ hat?

Man sagt, Jesus habe gar keine neue Lehre verkündet. Er habe nur an das erinnert, was ein gläubiger und frommer Jude sowieso wissen konnte. Seine große Rede auf einer Anhöhe am Nordufer des Sees Genesareth wird von den Exegeten als „Bergpredigt“ bezeichnet. Das ist wohl auch ein Symbol für die Wichtigkeit seiner Worte. Was von einer höheren Warte aus gesagt wird, hat ein größeres Gewicht. Inhaltlich ist die Bergpredigt ein Appell zu noch größerem Vertrauen in den Gott Israels.

Schon beim Propheten Jesaja haben wir gelesen, mit welcher Eindringlichkeit Gott seinem Volk zu Herzen redet, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Im Bild der treu sorgenden Mutter stellt sich Jahwe vor Israel und betont ausdrücklich: Selbst wenn die Mutter ihren eigenen leiblichen Sohn vergessen würde: ich vergesse dich nicht! (vgl. Jes 49,15)

Das ist ein starker Kontrast zu den bitteren Nachrichten über Mütter und Väter, die ihre Kinder nicht nur verhungern und verkommen lassen, sondern sogar dem Tod preisgeben.

Unter der fürsorglichen Treue Gottes kann sich der Mensch ganz anders verhalten. Er kann ein anderes Verhältnis zu sich selbst und zu seinen Mitmenschen aufbauen.

Paulus gibt davon Zeugnis. Er schreibt an die Korinther: „Mir macht es allerdings nichts aus, wenn ihr oder ein menschliches Gericht mich zur Verantwortung zieht; ich urteile auch nicht über mich selbst“ (1 Kor 4,3). Paulus ist sich sicher: ein ganz anderer hat mich durchschaut. Er kennt mich und liebt mich. Und das genügt mir.

Die Urteile und Einschätzung anderer und auch mein eigenes sorgenvolles Fragen, ob denn wirklich alles gut wird in meinem Leben, ist angesichts dieser unverdienten Liebe Gottes  hinfällig. Ich darf darauf vertrauen, dass Gott barmherzig und gnädig ist, mir gegenüber und auch meinen Mitmenschen gegenüber. Wenn ich das  verstanden und im Glauben angenommen habe, kann ich auch auf jedes Urteil über Andere verzichten. Es ist nicht meine Aufgabe, andere Menschen zu richten. Vielmehr kann ich auch die Sorge um das richtige Leben der Anderen in die Hand Gottes legen.

Wir alle sind noch weit von dem Glauben und dem Vertrauen entfernt, das Jesu in seiner Bergpredigt seinen Freunden empfiehlt. Aber in kleinen täglichen Übungsschritten könnten wir darin wachsen und reifen. Jeder Tag gibt uns eine Chance, sich in einem ganz konkreten „Sorgenfall“ an das Wort Jesu zu erinnern.

Von Teresa von Avila wird eine anrührende Geschichte erzählt. In einem betenden Zwiegespräch mit Gott hätte sie etwas von einem „Sorgentausch“ erfahren. Gott habe sie eingeladen, sie solle sich um seine Angelegenheiten kümmern, dann würde er sich um ihre Angelegenheit kümmern, ihr also alle Sorgen abnehmen.

Das ist die Umsetzung einer Passage aus der Bergpredigt im heutigen Evangelium. Ich zitiere sie in einer neuen Bibelübersetzung:

“Wollt ihr denn leben wie die Menschen, die Gott nicht kennen und sich mit all diesen Dingen plagen? (gemeint sind die täglichen Sorgen). Euer Vater im Himmel weiß doch genau, dass ihr das alles braucht. Sorgt euch vor allem um Gottes neue Welt und lebt nach Gottes Willen. Dann wird er euch alles geben, was ihr zum Leben braucht. Habt also keine Angst vor der Zukunft! Der morgige Tag wird seine eigenen Fragen und Lasten mit sich bringen und Gott wird auch morgen für euch sorgen“ (Bibelübersetzung Willibald Kammermeier)

Wenigstens heute also – am Tag des Herrn – könnten wir uns einen sorgenfreien Tag leisten.

 

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

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