Aschermittwoch – ein Schwellentag

Aschermittwoch – ein Schwellentag

Meditation am Aschermittwoch – 05. März 2014
Liturgie (hier)

Durch Klicken auf das kleine Dreieck links im schwarzen Balken am Ende des Textes kann man die Meditation auch anhören.

Der Aschermittwoch ist ein Schwellentag, der Übergang in die Fastenzeit, der Tag nach dem Kehraus des Faschings. Was soll denn da ausgekehrt werden? Die Hinterlassenschaften der tollen Tage natürlich.

Es ist aber auch ein innerer Kehraus angesagt. Das Seelenhaus soll wieder schöner werden und fit für ein besseres Weiterleben. Solche Zäsuren im Leben brauchen wir. Wir sagen dann: so kann es nicht weitergehen. Ich muss da mal etwas anders machen als bisher.

 

Als Christen geht es uns am Aschermittwoch aber auch um die Frage, wie wir mit unseren Schwächen und Fehlern umgehen. Im Laufe des Lebens haben wir ja eine Reihe von Strategien erworben, die uns helfen, das aus dem Gleichgewicht fallende Selbstwertgefühl zu stabilisieren.

In jedem von uns steckt das Verlangen nach Wert und Würde. Wir können nicht leben ohne grundsätzlich gut über uns zu denken. Wer immer nur schlecht von sich denkt, ist möglicherweise krank. Der depressiv kranke Mensch lebt entmutigt und leidet an einer tragischen Fehleinschätzung: „Ich bin nichts, ich kann nichts, ich mache sowieso alles falsch!“  Das ist sein Credo. Der gesunde Mensch hingegen möchte gut von sich denken, obwohl er jeden Tag seine Grenzen und Schwächen erlebt und nicht selten auch seinen Mitmenschen zur Last fällt.

Wie soll man damit umgehen?

Zwei Möglichkeiten möchte ich kurz schildern und dann noch einen anderen Weg zeigen, der uns Christen angeboten ist.

Die erste Möglichkeit ist die Projektion. Das Unangenehme und Belastende, auch die Schuld,  schieben wir von uns weg und laden sie zur Entsorgung auf andere Menschen ab. Da bieten sich viele Sündenböcke an: die Vorgesetzten, die Mitarbeiter, die Untergebenen, die Politiker, die Pfarrer, der Bischof, die Gewerkschaften, die Ausländer, die Frauen, die Männer, – oder auch die Ereignisse: die schlechte Wirtschafts- und Finanzlage, das Wetter, die viel zu hohen Preise. Alles Mögliche kann als Projektionsleinwand herhalten zur eigenen Entlastung. Manche Zeitansager erkennen darin sogar einen Entschuldungswahn.

Die zweite Möglichkeit ist die Verdrängung, eigentlich eine hilfreiche Begabung, mit unangenehmen Gefühlen und Gedanken zurecht zu kommen. Unter dem Motto: „Augen zu und durch“ schaffen wir oft die schwierigsten Passagen in unserem Leben. Was die Moral unserer Mitmenschen betrifft, so sprechen wir manchmal voreilig von einem abgestumpften Gewissen und einem verloren gegangenen Schuldgefühl. Ich bin da vorsichtiger geworden, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie gut es mir gelingt, mich um die Verantwortung für mein Tun und Lassen herum zu drücken, indem ich mich einfach für nicht zuständig erkläre. Manchmal ist aber die Verdrängung die einzige Möglichkeit zu überleben – vor allem für sehr empfindsame und gewissenhafte Menschen. Die totale Schuldübernahme für ein Missgeschick oder eine Verfehlung – das weiß man heute – ist auch nicht normal. Wir sind immer Täter und Opfer zugleich. Wir sind beteiligt und immer mehr oder weniger für unser Geschick verantwortlich.

Welche Möglichkeit haben nun Christen, um zu einem – wie man früher sagte – reinen Gewissen zu kommen?

In den Erzählungen der Chassidim von Martin Buber fand ich folgende Geschichte: Rabbi Susia sah einmal eine Gruppe von Juden einen Zug besteigen, der nach Odessa fahren sollte. Er bat sie, seinen Vater zu grüßen, wenn sie Odessa erreicht hätten. „Euer Vater wohnt in Odessa?“,  fragten sie überrascht. – „Es ist unser Vater im Himmel, den ich meinte!“, erwiderte er. „Er hat seine Wohnung überall genommen, sogar in einer Hafenstadt, verrufen wie Odessa!“

Diese Geschichte erschließt mir den dritten Weg, dass wir uns nämlich eingestehen, wie die Bewohner von Odessa buchstäblich ver-rufen zu sein! Unser Ruf als Christen in der Welt von heute ist derzeit nicht der beste. Mit Fehlern behaftet sind wir, schwache und sündige Menschen. Und doch hindert das Gott nicht, mitten unter uns sein Zelt aufzuschlagen. Hat nicht sein Sohn Jesus mit Zöllnern und Sündern gegessen, ihre Nähe gesucht und sich gerade bei ihnen aufgehalten?

Der dritte Weg ist also weder Projektion noch Verdrängung, sondern Bekenntnis und Erneuerung: das mutige Eingeständnis des eigenen Versagens, ohne Angst vor Prestigeverlust. Es ist die Besinnung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, der lautet: wir alle sind sündige Menschen und bedürfen des Erbarmens und der Gnade Gottes.

Am Aschermittwoch vollziehen wir das Ritual der Aschenauflegung. Dabei bekennen wir uns öffentlich zu unserer Hinfälligkeit und Endlichkeit. Wir nehmen auch unseren Tod in den Blick: „Zum Staub kehrst Du zurück“, lassen wir uns sagen. Paulus hat ja den Tod den Sold der Sünde genannt. Dass wir sterben müssen, hat also auch etwas mit unserer Schuld und Sünde zu tun. Wir leben nicht mehr im Paradies, sondern im Schatten dieser Welt; im „Reich des Todes“ leben wir.

Man kann sich dazu nur bekennen, wenn man glaubt, dass dieser Zustand für Gott kein Problem ist. Denn er erbarmt sich der Schwachen und rettet die Sünder vor dem Untergang – und nicht zu vergessen, was wir am Ende der Fastenzeit an Ostern feiern werden – er ist der Sieger über Sünde und Tod.

Der Aschermittwoch kann ein geistlicher Schwellentag werden. Wir können uns gegenseitig mit neuen Augen anschauen – im gläubigen Wissen um das Erbarmen Gottes, dessen wir alle ohne Ausnahme bedürfen. Sollte sich diese Haltung ausbreiten, dann würden uns auch neue Kräfte zuwachsen, offener und angstfreier unsere Fehler an- und auszusprechen. Wer von seinen Mitmenschen weiß, dass sie von Gott geliebt sind, wird behutsamer und zurückhaltender urteilen, er wird lernen, einzuschwingen in die Bewegung des Erbarmens, ohne das es kein menschenwürdiges Zusammenleben gibt.

 

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

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