Die zweite Chance

1. Fastensonntag  – Lesejahr A – 09. März 2014
Lesungen: Gen 2,7-9; 3,1-7 / Röm 5,12.17-19 / Mt 4,1-11
Liturgie (hier) 

Zum Anhören der Predigt bitte am Ende des Textes auf das kleine Dreieck am linken Balkenende klicken

Wie jedes Jahr, so ergeht auch heuer wieder die Einladung an uns, in der Zeit der Vorbereitung auf Ostern den eigenen Lebensstil zu überprüfen. Anregungen dazu erhalten wir durch das Hören auf Gottes Wort. So könnte z.B. das, was Jesus während seines Aufenthalts in der Wüste erfahren hat, eine Beispielgeschichte sein, in der auch unsere Entscheidungsnöte enthalten sind.

Werfen wir aber zunächst einen Blick auf die beiden Lesungen. Zweifellos zählen sie zu den schwierigsten in der ganzen Bibel. Sowohl der Apostel Paulus als auch der Autor des ersten Buches der Bibel werden von der Frage umgetrieben: woher kommt denn nun eigentlich das Böse? Wer oder was ist schuld daran, dass diese Welt so viel Elend zeigt, dass es Krankheit, Leiden und Sterben gibt und die Dunkelheit manchmal mächtiger erscheint als das Licht.

 

Das Buch Genesis bietet eine Erklärung: weil der Mensch so sein wollte wie Gott, verlor er das geschenkte Leben, fiel aus der Leben spendenden Nähe zu seinem Schöpfer heraus und verstand sich selber nicht mehr. Das Wort Sünde kommt ja aus dem althochdeutschen Wort „sund“, was so viel heißt wie Abstand, Distanz, Trennung. Die Bibel kleidet diesen Zustand der Absonderung von Gott in das Bild der Nacktheit.

Die Frage, wer bin ich, kann der Mensch nun nicht mehr befriedigend beantworten. Selbsterlösung geht nicht. Er darf aber auf einen Erlöser hoffen, der sein Antlitz im Lauf der Geschichte immer deutlicher enthüllt: Selbstoffenbarung oder Selbstmitteilung nennen das die Theologen. Gott will sein Geschöpf nicht im Elend lassen. Er ist barmherzig und gnädig. Der Mensch bekommt eine neue Chance der Heilung. Und diese Heilsgeschichte wird in den verschiedenen Büchern der Hl. Schrift dargelegt.

In der zweiten Lesung, im Brief an die Römer, versucht Paulus auch eine Erklärung. Adam habe als Repräsentant der ganzen Menschheit durch seinen Ungehorsam alle in das Elend der Gottesferne hineingezogen – und Jesus Christus als der neue Adam hat durch seine Gottesnähe uns alle wieder mit Gott versöhnt – aus Gnade und nicht durch unser Verdienst.

Nach so schwierigen theologischen Gedanken bleibt aber eine wichtige Frage offen: wie wirkt sich das auf unser tägliches Leben und Erleben aus? Womit müssen wir rechnen, wenn wir dieser Theologie der Unheils- und Heilsgeschichte zustimmen? Wir werden damit rechnen müssen, dass es uns genauso geht wie es Jesus in der Wüste ergangen ist. Matthäus hat diese Geschichte aufgeschrieben. Von drei Versuchungen ist da die Rede. Sie gelten nicht nur Jesus allein, sondern in ihm auch uns.

Die erste Versuchung besteht darin, sich selbst zum Hersteller des Lebens aufzuschwingen, die Lebensgrundlage, das Brot für alle, eigenmächtig herzustellen. Jesus kannte die Hl. Schrift. Man hatte ihm auch die Geschichte von Adam und Eva erzählt. Was ihm widerfährt, ist nur die Neuauflage der alten Versuchung, die nie endet. Auch im Psalm 78 finden wir sie. Da zweifeln die Israeliten: „Kann uns denn Gott den Tisch decken in der Wüste? Kann er uns auch Brot verschaffen und sein Volk mit Fleisch versorgen?“ Insgeheim denken sie: besser, wir machen das selber!  Und Jesus, wenn er denn Gottes Sohn ist,  könnte doch seine göttlichen Möglichkeiten ins Spiel bringen. Da spiegelt sich der geheime Wunsch von uns allen, selber wie Gott sein zu wollen, da wir doch nach seinem Bild  geschaffen sind. Der Mensch aber ist nicht der Herr des Lebens, sondern Kostgänger Gottes. Der Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf kann und darf nicht verwischt werden. Der Mensch muss seine Geschöpflichkeit und damit seine Abhängigkeit von Gott anerkennen und ihm die letzte Entscheidung überlassen. Sein Wille geschehe, beten wir im Vater unser. Das haben wir von Jesus gelernt.

Jesus will das Mißtrauen überwinden, indem er darauf hinweist, dass es ohne Gottes Wollen und Wirken kein Leben geben kann. Deshalb wehrt er den Versuch der Selbstmächtigkeit ab. Vom Brot allein lebt kein Mensch, sondern von der liebenden Bejahung und Zusage Gottes, die da lautet: ich will, dass Du lebst und ich bin gleichzeitig der Garant Deines Lebens. Vertraue mir und nicht Deinen Möglichkeiten. Maße Dir nicht an, wie Gott zu sein. Glaube daran, dass ich dir – auch in der Wüste – zum Leben helfen kann. Das geschenkte „Brot vom Himmel“, das Manna, ist Beweis und Zeichen meiner Treue.

Die zweite Versuchung ist wohl die größte: nämlich Macht und Einfluß zu gewinnen und herrschen zu können. Neben mir soll und darf es keinen anderen Herrn geben. Ich allein nehme die Herrschaft in Anspruch. Manchmal hat man den Eindruck, dass in den Reden der Politiker dieser Anspruch das einzige Motiv ihres Engagements ist. Nur ich kann es, andere nicht. Nur wer mich wählt, wählt das Leben.

Gegen diese Versuchung stellt Jesus klar, dass der Mensch sich allein vor seinem Gott verneigen soll. Kein Mensch darf Gottes Stelle in Anspruch nehmen. Nur wer sich nicht vor fremden Göttern – und seien sie noch so erfolgreiche Politiker, Manager und Lebenskünstler – verneigt, bleibt ein freier Mensch. Das erste Gebot der 10 Weisungen bekräftigt Jesus: Du sollst keine fremden Götter neben mir haben. Gott allein gebührt Ehre. Menschen sind keine Götter. Ein Verhaltensprogramm für jeden Tag.

Schließlich enthält die dritte Versuchung eine Warnung an alle frommen Menschen. Gott lässt sich nicht für unsere noch so gute Zwecke instrumentalisieren. Da könnte sich einer ja auf die Zusage Gottes berufen und sich sogar von der Zinne des Tempels stürzen: es sei ihm ja verheißen, dass ihm nichts zustoßen würde. So geht es nicht. Gott ist und bleibt souverän in seinen Entscheidungen und Wahlen. Manchmal – so lesen wir auch in der Schrift – sind seine Ratschlüsse befremdlich  und sogar unheimlich. Seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken, seine Wege nicht unsere. Das gilt es auszuhalten. Gott ist Gott und der Mensch ist Mensch, auch dann, wenn dieser Gott sich in unsere Menschengestalt hinein verwandelt hat, um uns so nahe wie nur möglich zu sein.

Und gerade diese unbegreifliche Nähe in Jesus von Nazareth ist uns Ansporn, das eigene Leben ab und zu einer Revision zu unterziehen. Fastenzeit ist dafür da. Suchen wir die Nähe zu Jesus Christus – auch in unseren täglichen Wüsten. Vielleicht ist er uns dort noch viel näher als in den schönen und satten Lebenstagen. Ich glaube, dass Jesus viel mehr von unserem Innenleben versteht, als der beste Freund, Arzt, Seelsorger oder Psychiater.

Auf dem Weg nach Ostern könnten wir hinter Jesus hergehen und die Stationen – auch die seines Kreuzweges – in Ruhe bedenken. Das wird uns helfen, eine neue Einstellung zu uns und unseren Mitmenschen zu gewinnen.

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

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