Ist Gott mitten unter uns oder nicht?

Ist Gott mitten unter uns oder nicht?

3. Fastensonntag  – Lesejahr A – 23. März 2014
Lesungen: Ex 17,3-7 / Röm 5,1-2.5-8 / Joh 4,5-42
Liturgie (hier)

Zum Anhören der Predigt bitte am Ende des Textes auf das kleine Dreieck am linken Balkenende klicken

Sychar (Sichem), der Ort, an dem Jesus der Samariterin begeg­net ist, liegt im Westjordanland, einem von Israel besetzten Gebiet. Man kann heute als Pilger im Hl. Land nicht mehr nach Sichem fahren, um den Jakobs­brunnen zu sehen. Vor 30 Jahren war das noch möglich Ich erinnere mich genau an den Tag, als wir am Brun­nen standen und die Stelle aus dem Johannesevangelium lasen. Lange standen wir da und dachten über das Gehörte nach.

Heute können wir kaum ermessen, was ein Brunnen in diesem kargen Land bedeutet. Zuhause drehen wir nur kurz am Wasserhahn. Wir wissen nicht mehr, mir welcher Mühe die Bereitstellung dieses lebenswichtigen Elements in den armen Ländern verbunden ist. Der „Weltwassertag“ am Samstag, den 22. März könnte uns die Augen öffnen!

Neulich gab es einen Aufruhr in der Knesset in Jerusalem, als der Präsident des Europaparlaments Martin Schulz in seiner Rede erwähnte, dass ihm ein palästinensischer Student die Frage vorgelegt habe: „Wie kann es sein, dass Israelis 70 Liter Wasser am Tag benutzen dürfen und Palästinenser nur 17?“ Der Streit um die Wasserversorgung wird in Zukunft heftiger werden als der Streit um das Erdöl. Denn ohne Wasser gibt es kein Leben. Wenn es lange nicht regnet, trocknen die Böden aus und die Vegetation verwelkt. Es fehlt die Nahrung für Mensch und Tier. Hungersnöte sind die Folge. Wasser bedeutet Leben – und deshalb ist ein Brunnen ein Ort des Lebens – auch im übertragenen Sinn.

In der Wüste gilt ein altes Sprichwort:  willst du Deinen Freund treffen,  dann verweile nur lange genug am Brunnen in der Oase. Er wird mit Sicherheit irgendwann einmal vorbeikommen, um Wasser zu schöpfen. Beim Wasserholen oder beim Tränken der Tiere trifft man sich. Viele Liebesgeschichten nehmen ihren Anfang an einem Brunnen. So lernt z.B. Jakob seine Frau Rahel an einem Brunnen kennen.

Warum erzähle ich das? Weil wir diesen Hintergrund beachten müssen, um die Botschaft aus der Lesung und dem Evangelium zu verstehen:

Sie lautet: Gott ist wie ein Brunnen des Lebens – und er will verborgen, aber lebensförderlich – in menschlichen Gebärden – mitten unter den Menschen sein.

Das Buch Exodus erzählt von einem Aufruhr der Israeliten. Das Volk dürstet nach Wasser. In der Wüste sind die Oasen seltener geworden. Jetzt werfen sie Mose vor, mit seinem Auszug aus Ägypten ein riskantes Unternehmen gestartet zu haben. Wenn nicht bald Wasser gefunden wird, gehen alle zugrunde. Die anfängliche Gewißheit, Gott selbst habe sein Volk aus Ägypten herausgeführt, schwindet dahin. Zweifler stellen schon laut die Frage: „Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?“. Vielleicht war alles umsonst und vielleicht war die Vision des Mose von einem neuen Lebensland nur eine Fata Morgana. Wäre es nicht besser gewesen, in Ägypten zu bleiben?

Diese Begebenheit läßt sich in so manche Situation unserer Tage übertragen. Immer wieder brechen Menschen auf zu neuen Ufern, ziehen aus alten Gewohnheiten aus, um ein neues und besseres Lebensland zu finden. Und sie versprechen sich auch, daß Gott mit ihnen geht – denn Gott ist immer auf der Seite der Lebenden und der Freiheitsliebenden. Dann aber kommen Schwierigkeiten, Probleme, die Vorräte gehen zu Ende. Buchstäblich geht einem die Luft aus und man hat kein frisches Wasser mehr, um den Lebensdurst zu stillen. Dann beginnen die Zweifel. Hat uns Gott verlassen? Ist er noch unter uns oder nicht?

Wir wissen, wie die Geschichte damals ausging. Mose konnte Wasser aus dem Felsen finden. Das Murren des Volkes verstummte. Als wieder Leben einkehrte, war man sich wieder sicher, daß Gott sein Volk nicht verlassen hatte.

So ähnlich kann es uns ergehen. Unerwartet tritt eine Wende ein. Das Leben wird wieder flüssig, die Zuversicht, daß Gott doch alles zum Guten wendet, beginnt wieder zu wachsen.

In der Erzählung vom Jakobsbrunnen stecken ähnliche Erfahrungen. Die Frau geht zum Wasserschöpfen. Aber sie hat noch einen ganz anderen Durst. Ihre Seele ist ausgetrocknet. Sie sucht nach einem Wasser für ihr geistliches Leben. Das kann ihr Jesus offenbaren.

Das Gespräch, das mit der Bitte Jesu um einen Schluck Wasser so weltlich begonnen hatte, führt auf eine religiöse Fährte. Jetzt kommen die eigentlich wichtigen Dinge zur Sprache. Es geht – auch hier – um die Frage: ist Gott da – mitten unter uns – und wenn ja: wo kann man ihn anbeten?  Die Juden sagen, nur im Tempel von Jerusalem. Die Samariter, eine andere jüdische Konfession, halten die Gottesdienste aber auf dem Berg Garizim in der Nähe von Sichem. Wer hat recht?

Wir wissen, was Jesus geantwortet hat: im Geist und in der Wahrheit werden die wahren Beter Gott anbeten. Denn Gott ist verborgen immer und überall da. Er bindet seine Gegenwart nicht an heilige Orte und Zeichen. Vielmehr ist er den Menschen immer dann besonders nahe, wenn sie mitmenschlich einander zugetan sind, wenn sie einander helfend begegnen, einander dienend zuvorkommen.

Gott ist wie ein Brunnen des Lebens. Er will in menschlichen Gebärden mitten unter den Menschen sein.

Wie steht es um unseren Durst nach Leben? Wo zweifeln wir – wie das Volk Israel an der bleibenden Gegenwart Gottes – mitten unter uns? Wohl immer dann, wenn es schwierig wird im Leben, wenn wir in Krisen geraten – persönlich und öffentlich.

Sich dann zu erinnern, daß Gott (noch immer) verborgen da ist und ihn suchen – auch einmal außerhalb von religiösen Orten, ihn anbeten im Geist und in der Wahrheit, wie Jesus sagt, das könnte unsere niedergeschlagene Stimmung aufheben. Das könnte uns neue Zuversicht geben. Lebendiges Wasser aus dem Felsen, der, wie die Kirchenväter es ausgedrückt haben, Christus ist, steht für jeden bereit, auch wenn er eine noch so verworrene Vergangenheit vorzuweisen hätte. Wenn schon die Samariterin mit ihrem Vorleben für Jesus eine wichtige Gesprächspartnerin war, wie viel mehr sind wir alle eingeladen, das Gespräch über unser Leben mit Christus zu suchen und darin neue Orientierung und Hoffnung für unser Leben zu finden.

 

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

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