Leben – stärker als der Tod

Leben – stärker als der Tod

5. Fastensonntag  – Lesejahr A – 06. April 2014
Lesungen: Ez 37,12b-14 / Röm 8,8-11 / Joh 11,1-45
Liturgie (hier)

Zum Anhören der Predigt bitte am Ende des Textes auf das kleine Dreieck am linken Balkenende klicken

Es sind noch zwei Wochen bis zum Osterfest. Das Evangelium heute erscheint wie ein Vorspiel zu dem größten Ereignis, von dem die Menschheit je gehört hat: die Auferstehung Jesu von den Toten und damit die Neuschöpfung des Menschen.

Der Tübinger Theologe Klaus Berger versucht in seinem Buch mit dem Titel Jesus seine Leser auf anschaulichen Wegen zu Jesus Christus hinzuführen. Das 700 Seiten umfassende Werk schließt mit der Auslegung der Auferstehungserzählung nach dem Johannesevangelium.

Berger unterscheidet wissenschaftlich beweisbare Tatsachen und mystische Tatsachen, Geschehnisse und Ereignisse also, die der Verstand allein nicht erfassen kann, die einem aber im Herzen wie ein Licht aufgehen können. Sind sie deshalb nicht wahr, fragt Berger?

 

Vor dieser Frage stehen auch wir immer wieder. Nur zögerlich finden wir zu einer gläubigen Antwort, die ja eigentlich nichts anders beinhaltet als das Bekenntnis: Bei Gott ist kein Ding unmöglich.

Als ich bei einer Pilgerfahrt ins Hl. Land in dem Dorf östlich des Ölbergs – in Bethanien – vor einem Höhlengrab stand, das die fromme Tradition als das Grab des Lazarus bezeichnet, musste ich an die verschiedenen Leute denken, von denen im heutigen Evangelium die Rede ist: die drei Geschwistern, Maria, Martha, Lazarus, die jüdischen Freunde und auch an Kreis der Jünger, der mit Jesus unterwegs war. Ich konnte mir die Sorge der beiden Schwestern Martha und Maria gut vorstellen, deren Bruder im Sterben lag. Jesus war bei diesen Geschwister in Bethanien oft zu Gast.

Im Krankheitsfall und noch mehr, wenn ein Angehöriger stirbt, sind gute Freunde wichtig. Deshalb bedauern die Schwestern, dass Jesus gerade jetzt nicht da ist. Man muss einen Boten schicken, um ihm die traurige Nachricht zu überbringen.

Jesus reagiert unerwartet. Er hat es gar nicht eilig. Wir sind ein anderes Verhalten gewohnt: bei lebensbedrohlichen Erkrankungen gibt es die schnelle Notfallhilfe. Der Notarzt eilt mit Blaulicht herbei, um ja nicht zu spät zu kommen.

Ein seltsamer Freund ist dieser Jesus. Er gibt zuerst eine Erklärung über den Sinn dieser tödlichen Krankheit ab, bevor er sich nach Bethanien aufmacht: „Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes.“ Das ist fast wörtlich die gleiche Antwort, die Jesus seinen Jüngern gab, als sie ihn wegen des Blindgeborenen fragten, wer denn da schuld sei an diesem Übel.

Kann Gott also tatsächlich ein Übel verwandeln, kann er die Menschen wirklich herausrufen aus der Finsternis und aus dem Todesschatten, in den sie immer wieder und zuletzt im eigenen Sterben hineingeraten?

Im Namen Gottes hat Jesus es mit einem mächtigen Ruf in Bethanien getan: „Lazarus komm heraus!“

Die Erzählung ist ein Hin und Her zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Glauben und Unglauben. Und alle Beteiligten verkörpern etwas von unseren seelischen Empfindungen. Wir finden uns wieder in Maria und Martha, in den Juden, die – das Wunder der Blindenheilung noch in Erinnerung – skeptisch und traurig bemerken: „Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb“!?

Kennen Sie, liebe Mitschristen, diese Klage nicht auch? Da wird ein schwerkranker Nachbar unverhofft wieder gesund – und ihr eigener Angehöriger muss sterben? Warum ist Gott so ungerecht: dem einen hilft er – anscheinend – dem andern nicht?

Fragen über Fragen tun sich auf und man ist in Krankheit und Tod geneigt, sich einfach abzufinden und auch von Gott nichts mehr zu erwarten.

Wenn wir aber trotzdem in der Nähe Jesu bleiben, lernen wir langsam verstehen, worum es da eigentlich geht. Jesus lebt in einer unvergleichlichen Nähe und Vertrautheit mit Gott, den er seinen Vater nennt. Wenn Jesus betet, wird dieses Verhältnis vernehmbar: „Vater, ich danke Dir, dass du mich erhört hast.“ Gott als Urheber und Erhalter des Lebens handelt direkt im Handeln Jesu, spricht im Wort Jesu. Und dieses Wort ist „Wort des Lebens“.

Der Tod ist in den Augen Gottes chancenlos. Auch wenn ihn die Kreatur erleiden muss, hat er keine endgültige Macht über das Leben, das von Gott ausgeht.

Wenn der Urheber des Lebens ruft, wird alles lebendig und wie neu geschaffen. Wir sollen es nur geschehen lassen. Unser Beitrag besteht darin, dass wir den Stein wegnehmen, der das Grab unserer enttäuschten Hoffnungen verschließt. Sagen wir nicht manchmal: ich habe da alle meine Hoffnungen begraben. Dann hat Gott wirklich keine Chance mehr. Der aufgeklärte Verstand ist manchmal wie ein Stein, der die Verhältnisse endgültig besiegelt und dem Tod seine scheinbare Übermacht glaubt. Es sind unsere intellektuellen Vorwände, die den Zugang für Gottes Leben schaffendes Wort erschweren.

Auf orthodoxen Ikonen sieht man den Auferstandenen Christus oft vor einem offenen Höhlengrab und verstreut liegen im Bild aufgebrochene Schlösser herum, manchmal auch zerbrochene Pfosten und ein weggewälzter Stein.

Das Leben Gottes ist mächtiger als der Tod – das ist die Botschaft, die wir uns am kommenden Osterfest wieder zu Herzen nehmen werden. Die Auferweckung des Lazarus ist wie ein Präludium, das uns einstimmen soll in die Freude am Leben.

Bei den Geschwistern Maria und Martha in Gedanken zu verweilen und mit ihnen mitfühlen, das könnte die gleiche Wirkung haben wie sie damals bei den jüdischen Freunden hatte. Von ihnen schreibt der Evangelist am Ende seiner Geschichte: Viele, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesu getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.

 

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

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