Der dunkle Tag

Der dunkle Tag

Meditation am Karfreitag – Lesejahr A – 18. April 2014
Lesungen und Liturgie (hier)

Zum Anhören der Meditation am Ende des Textes auf das kleine Dreieck am linken Balkenende klicken

 

Es gibt Ereignisse im Leben, die so schrecklich sind, dass es einem die Sprache verschlägt : der Holocaust an 6 Millionen Juden, der Genozid in Ruanda vor 20 Jahren, wo mehr als 800.000 Menschen grausam ermordet wurden oder der Giftgaseinsatz  in Syrien. Drei Jahre dauert dieser Bürgerkrieg schon. Er hat unendliches Leid über die Zivilbevölkerung gebracht.

Ereignisse, die einem die Sprache verschlagen, gibt es aber auch im Leben jedes einzelnen von uns: unheilbare Krankheiten, chronische Schmerzen, die Beschwerden des Alters, die Einsamkeit der Alleinstehenden und – nicht zu vergessen – die Sorgen um die eigene Familie, die Kinder und Kindeskinder.

 

Angesichts dieses oft auch von Menschen gemachten Elends kann man den Glauben an den Menschen schon verlieren.

Die Rede, dass früher alles anders und besser war, verblasst beim genauen Hinsehen. Zwar schöpften unsere Mütter und Väter im Glauben mit einer einfachen Frömmigkeit noch Trost und Kraft zum Durchhalten. Man solle das Leid “aufopfern”, aus Liebe zu Gott ertragen. Dies würde einem zugute kommen. Der Blick auf ein Kreuz – in der Wohnung, in den Kirchen oder draußen auf den Fluren oder das Weihwassernehmen und sich bekreuzigen würde den Leidensmut stärken. Diese religiöse Praxis findet man aber kaum mehr und auch der Gedanke, ein Leid aufzuopfern, fällt heute vielen schwer.

Wir haben wie jedes Jahr am Karfreitag die Leidensgeschichte Jesu in der Fassung des Evangelisten Johannes gehört. Damals haben die Römer die Kreuzigung  tausendfach praktiziert. Aber der gekreuzigte Jesus von Nazareth war nicht irgendein Mensch, sondern mehr als ein Mensch – wie der Soldat im Mk-Evangelium nach der grausamen Tortur und dem Tod des Gehängten ausrief: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn (Mk 15,39).

Jetzt müssten wir noch mehr verstummen bei dem Gedanken, dass Menschen sich sogar  an Gott vergreifen können. Keine gescheiten theologischen Erklärungen werden das Unbehagen auflösen, das uns befällt, wenn wir die Passionsgeschichte  ernst nehmen.

Deshalb ist in der Karfreitagsliturgie neben Gebeten und symbolischen Handlungen immer auch eine Zeit der Stille vorgesehen, ein Hintreten vor das Kreuz mit einer Geste der Verehrung. Da gibt es keine Unterweisung oder Belehrung mehr, sondern nur noch die Annäherung an das Bild des gekreuzigten Erlöser, der mir zuraunt: „Schau her, ich stecke in Deiner Haut“.

Diese Botschaft ist kein Trostpflaster für unsere Leiden, sondern ein Wort, gehört aus der Stille des Erschreckens darüber, was wir Menschen da angerichtet haben.

Ich habe lange nicht verstanden, was es heißt, Jesus sei aus Liebe zu uns in den Tod gegangen. Wenn er aber sagt: „Niemand liebt mehr als einer, der sein Leben für die Freunde hingibt“ (Joh 15,13) und wenn er das mit dem guten Hirten verbindet, der sich gegen den Wolf schützend vor seine Schafe stellt und damit sein Leben riskiert, dann dämmert es einem allmählich, was wir in diesen Tagen feiern.

Der französische Theologe Henry de Lubac hat von einem dreifachen Rhythmus im Leben eines Christen gesprochen: sich einwurzeln in die Welt – sich loslösen von der Welt – und Gestaltwandel. Das kann bedeuten, die eigenen Pläne, Aufgaben und Vorhaben loslassen – auch ein Vor-haben kann ja ein “Haben” sein, das einem eines Tages aus der Hand geschlagen wird. – Auch Beziehungen enden einmal – spätestens beim Sterben eines geliebten Menschen. Dann ist es gut, wenn man vorher eine ganz andere Beziehung gepflegt hat, die zum gekreuzigten und auferstandenen Christus. Er allein kann uns mit seiner göttlichen Lebensmacht am Leben halten und durch unseren  Tod hindurch retten.

Nach den stillen Stunden am Karsamstag feiern wir Ostern. Ostern ist keine Fata Morgana, sondern der Aufgang im Untergang und die Offenbarung des neuen Lebens von Gott her, das seinen schönsten Ausdruck in der Geheimen Offenbarung gefunden hat.  „Ja, Gott wird alle  Tränen trocknen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid und keinen Schmerz. Weinen und Klagen wird nie mehr zu hören sein: denn was einmal war, ist für immer vorbei. Der auf dem Thron saß, sagte: „Siehe, ich schaffe alles neu!“ (Offb 21,4-5a). Mit diesem vertrauenden Glauben kann man im Leid durchhalten. Der Karfreitag ist nicht das Ende der Geschichte, sondern der Durchgang zur Auferstehung.

 


Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

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