Ängste und Zweifel überwinden

Ängste und Zweifel überwinden

2. Sonntag der Osterzeit  – Lesejahr A – 27. April 2014
Lesungen: Apg 2,42-47 / 1 Petr 1,3-9 / Jo 20,19-31
Liturgie (hier)

Zum Anhören der Predigt bitte am Ende des Textes auf das kleine Dreieck am linken Balkenende klicken

 

Heute werden in Rom die Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. heilig gesprochen. Beide waren völlig verschiedene Persönlichkeiten nach ihrer Herkunft und ihrem Charakter. Der eine kam aus einfachen bäuerlichen italienischen Verhältnissen, der andere war im kommunistischen Polen im Arbeitermileu aufgewachsen. Der eine wurde als älterer Kardinal Papst und war nur fünf Jahre im Amt, entscheidene Jahre, weil er völlig überraschend ein Konzil ankündigte und mit dem Appell „aggiornamento“ (Heutigwerden der Kirche) einen bis heute andauernden Reformprozess in Gang setzte. Der andere, der Krakauer Kardinal, war erst 58 alt und blieb fast sechsundzwanzig Jahre im Dienst. Als erster Nichtitaliener seit 455 Jahren setzte er ganz eigene Akzente. Seine Weltläufigkeit wurde sprichwörtlich. Über 100 Auslandsreisen hat er unternommen, erstmals war mit ihm ein Papst in Afrika, hat ein Papst eine Synagoge und eine Moschee besucht.

 

Im Bemühen, in der Nachfolge Jesu das Petrusamt zu führen, sind beide den Weg der Barmherzigkeit und Liebe gegangen. Sie haben es jedenfalls versucht. Barmherzigkeit und Liebe kann also von beiden gelernt werden. Der beste Lehrmeister aber ist immer noch Jesus Christus selbst. In den Anfängen des Christentums kommt dies zur Geltung. Die biblischen Texte – bei jeder Eucharistiefeier vorgelesen – bezeugen es.

So erfahren wir etwa heute in der ersten Lesung, wie die Jesusanhänger füreinander da waren und einer den anderen annahm. Wir hören, wie der Autor des Petrusbriefes die in der Diaspora lebenden – zum Glauben an Jesus Christus gekommenen – Juden  ermutigt, dem Evangelium die Treue zu halten. Schließlich erzählt der Evangelist Johannes, wie der Auferstandene die Angst und den Zweifel des Apostels Thomas überwand.

In der Diaspora gab es für die Neubekehrten verschiedene Schwierigkeiten: einmal mit den jüdischen Glaubensbrüdern und sodann auch mit den Griechen, die  aus jüdischer Sicht Heiden waren, auch wenn sie sich neuerdings für die Jesus-Religion interessierten. Nur allmählich konnten sie mit den gläubig gewordenen Diasporajuden zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen.

Paulus hatte sich ja beim Apostelkonzil durchgesetzt mit seiner Auffassung, dass ein Heide, der sich zu Jesus Christus bekennt, nicht erst noch durch Beschneidung jüdisch werden muss, sondern durch Glaube und Taufe in die neue Lebensgemeinschaft mit Christus aufgenommen werden kann.

Für die Mehrzahl der jüdischen Gemeinden galt aber immer noch das Urteil der Jerusalemer Priesterschaft: Jesus war nicht der Messias, sondern ein Schwärmer und Gotteslästerer. Deshalb hatte man ihn ja zum Tod verurteilen und hinrichten lassen. Zwanzig Jahre war das gerade her.

Und für viele Heidenchristen war es schwer, die fremdartige Botschaft von einem Mensch gewordenen und schwachen Gott zu akzeptieren. Die griechischen Götter waren unbesiegbare Helden. Und nun kam aus Jerusalem die Nachricht von einem Gescheiterten, der – und das war unerhört neu – den Tod überwunden hatte, weil Gott selbst ihn ins Leben auferweckt hatte.

Die Judenchristen und die Heidenchristen in den kleinasiatischen Orten standen also in mancherlei Zweifeln und Anfechtungen nach außen und nach innen. Sie brauchten Orientierungshilfe aus dem Kreis der Augen- und Ohrenzeugen Jesu. In einem dem Apostel Petrus zugeschriebenen Brief sollte nun den neu Bekehrten gezeigt werden, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem, was Jesus Christus durchgemacht hat und was sie in ihrem eigenen Leben erleiden:

Es ist ein Umschwung

  • aus der Angst in die Freude
  • aus der Gefangenschaft in die Freiheit
  • aus Bedrängnissen, den selbst verschuldeten und den schicksalhaft zugemuteten, in die Entlastung
  • aus Schuld und Sünde in die Lossprechung

Das ist die ermutigende Frohbotschaft, das Evangelium, für das die Apostel keine Mühe scheuen. In alle Welt hinaus geht diese Kunde.

Und sie kam ja auch bis zu uns – in einem langen geschichtlichen Weg voller Umbrüche und Gefährdungen, voller Missverständnisse und Zweifel. Aber sie ist immer noch da und auch in diesem Jahr wurde sie wieder am Osterfest in allen christlichen Kirchen der Welt verkündet.

Irgendwie sind wir den Adressaten des Petrusbriefes gleich. Denn auch wir spüren wenig von der befreienden Wirkung der Auferstehungsbotschaft. Auch wir befinden uns in vielen Bedrängnissen und Nöten, in Zweifeln und Sorgen. Auch wir sind kleingläubig und dem Apostel Thomas seelisch verwandt, der seine Zweifel offen ausgesprochen hat. Die Jünger hatten sich ängstlich eingeschlossen. Gefangen und ratlos waren sie nach dem Todesurteil über Jesus und seiner Vollstreckung durch die Kreuzigung.

Doch bei verschlossenen Türen trat Jesus in ihre Mitte. Und sie erfuhren den gleichen Umschwung in ihren Herzen:

  • aus der Angst in die Freude und in einen nie gekannten Frieden
  • aus der Gefangenschaft in die Freiheit
  • und aus den Bedrängnissen in die Entlastung und in einen neuen Lebensmut
  • aus lastender Schuld in die Vergebung

Wie zum Trost für uns Kleingläubige gibt es den Thomas. Er kann es lange nicht glauben und wird deshalb von Jesus auf ungewöhnliche Weise zum Bekenntnis bewegt. Und für alle, die später zum Glauben kommen, gilt die Verheißung Jesu doppelt: „Selig, wer in Zukunft glauben wird, ohne mich gesehen zu haben“ (vgl. Joh 20,29).

Der Evangelist Johannes hat vorher noch eine andere für uns wichtige Erfahrung berichtet. Der Auferstandene sprach seinen Jüngern den Frieden zu und ermächtigte sie gleichzeitig, sein Werk in die Welt hinein zu tragen. „Empfangt den Heiligen Geist!“ Das ist die Gut-Geh-Kraft von Gott, der Lebensatem, ohne den alles tot ist oder im Tod bleibt.

Der Psalmbeter war sich sicher, dass nur von Gott allein die Macht des Lebens ausgeht. Ohne Gott gibt es kein Leben und keine Auferstehung von den Toten. Im Blick auf die Vielfalt aller lebendigen Wesen der Schöpfung bekennt der Beter: „Nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie hin und kehren zurück zum Staub der Erde… „ (Psalm 104,29). Umgekehrt gilt: wen Gottes Atem trifft, der steht auf aus dem Staub und wird lebendig. Den kann kein Tod festhalten.

Diese Lebensmacht im Hl. Geist hat der Auferstandene seinen Jüngern geschenkt. Die damit verbundene Macht, Sünden zu vergeben ist nichts anderes als die Macht, aus den Fesseln und Abgründen des Todes befreit zu werden.

Die eigentliche Osterfreude ist die Freude darüber, dass Sünde und Tod keine Macht mehr über uns haben. Wir sind erlöst und befreit. Die einzige Antwort ist die gläubige Zustimmung zu dieser barmherzigen Tat Gottes.

Lassen wir uns wie Thomas überwinden und legen wir unsere Zweifel ab. Jesus Christus lebt und mit ihm leben auch wir. Mit ihm haben wir Zukunft und Hoffnung. Wir sind immer auf dem Weg – auf dem Durchgang durch leidvolle Passagen hin zur Freiheit und Freude der Kinder Gottes. Und lassen wir uns von den zwei neuen Heiligen Männern der Kirche anstecken, ohne Angst und im Vertrauen auf Gott unser Leben zu leben.

 

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

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