Wie Christen über Sterben und Tod denken

Mit den alten Sinnfragen: „Woher komme ich, wohin gehe ich, was wird aus mir, wenn ich sterbe“ sind die Menschen auch heute noch unterwegs. Die Zeiten, in denen die Antworten aus dem jüdisch-christlichen Erbe dazu klaglos akzeptiert wurden, sind in Europa allerdings vorbei. An die Stelle christlicher Antworten sind  zahlreiche andere Ideen getreten. Sie erheben den Anspruch eines neuen und für den Zeitgenossen offenbar eher akzeptablen Wissens. So hat z.B. Bernhard Jacoby Bücher veröffentlicht, die verheißungsvolle Titel tragen: „Auch du lebst ewig. Die Ergebnisse der modernen Sterbeforschung“ und: „Das Leben danach. Was mit uns geschieht, wenn wir sterben“. Er bietet darin eine Mischung aus verschiedenen religiösen Traditionen, so zubereitet, daß der Leser zustimmungsbereit wird, weil die dunkle Seite des Geschehens nicht ausdrücklich thematisiert wird. Das Sterben und das Leben nach dem Tod beschreibt Jakoby als „herrliches Ereignis“. Der Mensch gehe hinein in weltferne geistige Sphären, mit starken Gefühlsqualitäten wie Wärme, Licht, Farbe. Es ist ein isoliertes Glücksgefühl ohne Bezug zum Gewesenen und zur Mitwelt – die totale Transformation, die alles, was bisher war, hinter sich läßt und auflöst.

Mit der Überwindung der Angst vor dem Tod befaßt sich der amerikanische Psychoanalytiker und Schriftsteller Irvin D. Yalom. In seinem Buch „In die Sonne schauen“ bietet er viele hilfreiche Ideen an. Er hat sie in der erfolgreichen Psychotherapie mit Klienten, die an Todesfurcht leiden, gewonnen. Über ein mögliches Leben nach dem Tod macht er keine Angaben. Religiöse Vorstellungen sind für ihn nicht wichtig.

Dies sind Beispiele, wie sich heute Menschen mit Sterben und Tod auseinandersetzen. Fasst man diese neuzeitlichen Aussagen grob zusammen, so ergeben sich drei große Antworten. Im Sterben geschieht: Vernichtung, Auflösung oder Gestaltwandel.

Die Idee einer vollständigen Vernichtung des Menschen im Tod entspringt einem atheistischen Welt- und Menschenbild. Viele berufen sich auf den Philosophen Epikur, dessen einfache Idee überzeugt. Er behauptet, dass der Tod uns nichts angeht. Denn solange wir sind, ist der Tod nicht da. Und sobald er da ist, sind wir nicht mehr. Mit diesem Gedanken könne man auch die Angst vor der Tod überwinden; denn nach dem Sterben gäbe es kein Bewußtsein mehr, also auch kein Leid oder Glück, nur das Nichts.

Im Vergleich zu diesen radikalen Ideen haben Vorstellungen einer „Auflösung“ Konjunktur. Wie ein Wassertropfen sich im Meer auslöst, so löse sich das Leben des Menschen ins Universum auf. Sie werden vor allem durch die religiösen Traditionen aus dem Osten genährt und kommen einem diffusen Gottesbild nahe: Gott eine Macht, größer als wir selbst, unbewußter Gott (V.E.Frankl), Gott als das Alles umfassende Prinzip, oft als Pantheismus beschrieben. Vorstellungen einer zyklischen Wiederkehr ins irdische Dasein (Reinkarnation) schließen sich hier an.

Christen begreifen das Sterben als Übergang und Gestaltwandel und berufen sich auf Jesus Christus und seinen Durchgang durch die Todeszone zum endgültigen Leben in Gott. Dem oft gehörten Satz – vor allem aus dem Mund alter Menschen – „Ich warte auf den Tod“ können Christen das Bekenntnis ihres Glaubens gegenüberstellen: „Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der zukünftigen Welt“. Zudem verschweigt die Kirche nicht die dunkle und leidvolle Seite des Sterbens.

In einem Dokument des 2. Vatikanischen Konzils (1963-1965), das leider viel zu wenig bekannt ist, heißt es:

Angesichts des Todes wird das Rätsel des menschlichen Daseins am größten. Der Mensch erfährt nicht nur den Schmerz und den fortschreitenden Abbau des Leibes, sondern auch, ja noch mehr, die Furcht vor dem immerwährenden Erlö­schen. Er urteilt aber im Instinkt seines Herzens richtig, wenn er die völlige Zerstörung und den endgültigen Untergang seiner Person mit Entsetzen ablehnt. Der Keim der Ewigkeit im Menschen läßt sich nicht auf bloße Materie zurückführen und wehrt sich gegen den Tod. Doch alle Maßnahmen der Technik, so nützlich sie sind, können die Angst des Menschen nicht beschwichtigen. Unüberwindlich lebt in seinem Herzen das Verlangen nach einem Fortleben. Dem kann die Verlängerung der biologischen Lebensdauer nicht genügen.

Während vor dem Tod alle Träume nichtig werden, bekennt die Kirche, daß der Mensch von Gott zu einem seligen Ziel jenseits des irdischen Elends geschaffen ist. Außerdem lehrt der christliche Glaube, daß der leibliche Tod, besiegt wird, wenn dem Menschen sein Heil, das durch seine Schuld verloren ging, vom allmächtigen und barmherzigen Erlöser wieder geschenkt wird. … Diesen Sieg hat Christus, da er den Menschen durch seinen Tod vom Tod befreite, in seiner Auferstehung zum Leben errungen. (1 Kor 15,56-57)

Das gilt nicht nur für die Christusgläubigen, sondern für alle Menschen guten Willens, in deren Herzen die Gnade Gottes unsichtbar wirkt. Da nämlich Christus für alle gestorben ist und da es in Wirklichkeit nur eine letzte Berufung des Menschen gibt, die göttliche, müssen wir festhalten, dass der Heilige Geist allen die Möglichkeit anbietet, diesem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise verbunden zu sein. (Pastoralkonstitution „Kirche in der Welt von heute“)

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