Osteraugen sehen mehr

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3. Sonntag der Osterzeit  – Lesejahr A – 04. Mai 2014
Lesungen: Apg. 2,14-22 / Jo 21,1-14
Liturgie (hier)

Zum Anhören der Predigt bitte am Ende des Textes auf das kleine Dreieck am linken Balkenende klicken

 

Seit dem Osterfest reden wir in der Kirche vermehrt von der Auferstehung Jesu. Wir zünden die Osterkerze an, singen Osterlieder und hören die Worte der Hl. Schrift über den Auferstandenen Jesus.

Die heutigen Texte sind für uns von besonderer Bedeutung. Denn Christ sein und bleiben ist in unseren Tagen nur mehr möglich, wenn wir die Gewissheit der großen Glaubenszeugen – angefangen von David über Petrus bis zu den großen Vorbildern in unseren Tagen – wieder gewinnen.

Der erste Papst, der hl. Petrus, bezieht sich in seiner Rede vor einer großen Pilgerschar in Jerusalem auf ein Wort des Königs David: „Ich habe den Herrn beständig vor Augen. Er steht mir zur Rechten. Ich wanke nicht!“ (Apg 2,25).

Für den erfolgreichen und begabten König Israels war eines klar: Leben kann nur gelingen, wenn es in ständiger Erinnerung an den lebendigen Gott gelebt wird – sozusagen unter den Augen Gottes. Das allein gibt Sicherheit – auch in unsicheren Zeiten und schwierigen Lebenslagen. Denn Gott ist kein lebloses hölzernes Götzenbild, das zwar Ohren hat, aber nicht hören kann, zwar Augen hat, aber nicht sehen kann, wie der Psalmbeter sagt (vgl. Psalm 115,5). Er ist der Freund der Menschen und sein lebendiger Ansprechpartner.

Was wir vor Augen haben, das bestimmt unser Denken und Tun. Wir werden von unseren Sichtweisen bestimmt. Weltanschauung nennen wir das. Die christliche Weltanschauung hat Jesus Christus, den auferstandenen Herrn des Lebens beständig vor Augen.

Wie ein Mensch zu dieser Glaubensgewissheit kommt, erfahren wir in der Begebenheit am See von Galiläa, die der Evangelist Johannes aufgeschrieben hat.

Die Apostel sind nach den turbulenten Ereignissen in Jerusalem wieder in ihre Heimat nach Galiläa zurückgekehrt. Sie haben ihre Arbeit als Fischer im See Genezareth wieder aufgenommen. An diesem See war ihnen Jesus zum ersten Mal begegnet. Da hatte er sie angesprochen und mit seiner Vision vom Reich Gottes begeistert, so dass sie alles liegen und stehen ließen, um von jetzt an Menschenfischer zu werden.

An diese erste Begegnung knüpft die nachösterliche zweite Begegnung an. Wie die Jünger zur Glaubensgewissheit kommen, lässt sich an vier Stationen dieser Begegnung zeigen:

  • sie geschieht während ihrer täglichen Arbeit – beim Fischen
  • im Zwielicht der Dämmerung – beim Morgengrauen
  • in unterschiedlichem Tempo: der eine Jünger begreift schneller, der andere braucht länger
  • aber alle erinnern sich an frühere Begegnungen mit Jesus

Petrus sagt: „Ich gehe fischen“. Damit beginnt für ihn wieder der sogenannte graue Alltag. Das, was vorher Hauptbeschäftigung war, wird wieder aufgenommen. Sie besteigen ihr Boot, wie immer – und fahren nachts hinaus – wie immer. Im See Genezareth ist es üblich, nachts zu fischen.

Diese beiläufige Notiz besagt: es ist falsch zu meinen, dass der Glaube nur durch außergewöhnliche Erfahrungen oder Erlebnissen geweckt wird, sondern oft mitten am Tag, mitten in den gewöhnlichen Verrichtungen der privaten und beruflichen Aufgaben: da kann uns auf einmal gewiß werden, dass Jesus lebt. Da kann uns Jesus unvermittelt vor Augen kommen, kann uns „einfallen“, können wir uns an ihn erinnern. Oft genügt ein kleiner Anstoß – eine liebevolle Begegnung, ein Bild, der Klang einer Kirchenglocke, ein vertrautes geistliches Lied, das Lächeln eines Menschen …

Es ist Dämmerung, also Zwielicht zwischen Tag und Nacht. Die Apostel sehen einen Mann am Ufer und wissen nicht, dass es Jesus ist. Er spricht sie an, bittet um etwas zu essen; sie müssen eingestehen, dass sie nichts gefangen haben – und Jesus rät ihnen, das Netz zur rechten Seite auszuwerfen. Spätestens da hätte ihnen dämmern können, wer dieser Fremde war. Denn eine ähnliche Szene hatten sie schon einmal erlebt – bei dem reichen Fischfang damals, als Jesus auch den Rat gab, nochmals hinauszufahren, obwohl sie schon die ganze Nacht ergebnislos gefischt hatten (vgl. Lk 5,1-11). Der Lieblingsjünger erkennt, dass dieser fremde Mann kein Fremder ist, sondern der Herr. Das bedeutet: im Zwielicht der Dämmerung kann nur ein Liebender sehen und erkennen.

So ergeht es uns auch. Was die Glaubensdinge betrifft, so befinden wir uns immer irgendwie im Zwielicht. Die Gewißheit der erleuchteten Tage ist eher selten. Glaube bleibt ein Schwebezustand zwischen Gewißheit und Zweifel. Aber, wer der Liebe folgt, ist Gott auf der Spur – wie der Jünger Johannes. Dieser Lieblingsjünger Johannes erkennt Jesus auch zuerst. Er macht den Petrus darauf aufmerksam und dieser ist so überrascht und begeistert, dass er aus dem Boot steigt und versucht, schwimmend das Ufer zu erreichen. Wir erinnern uns: Petrus war schon einmal aus dem Boot gestiegen und im Blick auf den Herrn sogar eine Zeitlang über das Wasser gegangen – bis zu dem Moment, als er den Herrn aus den Augen verlor. Dann begann er zu sinken und konnte sich nur retten, indem er schrie: „Herr, rette mich“. Und Jesus streckte ihm die Hand entgegen (vgl. Mt 14,30-33).

Wer diese frühe Geschichte einmal genau nachliest, wird eine erstaunliche Entdeckung machen. Da heißt es nämlich bei Mt: „Als Petrus den Wind sah, begann er zu sinken. Es heißt nicht, wie wir meinen möchten: als Petrus den Wind spürte. Kann man den Wind sehen? Nein, nur seine Wirkungen z.B. in den Wellen. Der Evangelist wollte damit sagen: als Petrus angesichts der Naturgewalten vor Angst und Kleinglauben den Herrn aus den Augen verlor, begann er zu sinken.

Daraus folgern wir: wer unverwandt auf Christus schaut und seine Blicke nicht ablenken läßt durch bedrohliche Ereignisse, wird sogar über Abgründe gehen. Er versinkt nicht.

Schließlich: die Apostel erkennen den Auferstandenen erst, als sie mit ihm zusammen Mahl halten. Das war für sie in den drei Jahren ihres Zusammenseins oft und oft der Fall. Sie können sich an diese friedvollen Begegnungen gut erinnern.

In diesem Evangelium ist ein Muster angelegt, nach dem alle Glaubensgewißheit wächst:

Hinschauen – sich erinnern – einander aufmerksam machen auf das, was man im Glauben sieht – und: Geduld haben mit der Verschiedenheit der Glaubenden.

Das ist eigentlich die ganze Veranstaltung Kirche. Wenn wir uns zum Gebet versammeln, schauen wir alle in die gleiche Richtung – zum Altar als dem symbolischen Ort des geheimnisvoll gegenwärtigen Herrn. Wir erinnern uns im Hören der Hl. Schrift an alles, was Gott schon unter uns getan hat – und wir machen uns gegenseitig aufmerksam im Gespräch über Glaubensdinge, im Singen und Beten der gleichen Wahrheit.

Was David für sich bewahrt hat und was Petrus als Beweis für die Auferstehung Jesu zitiert, könnte auch uns weiterhelfen – in den Glaubensnöten unserer Tage: „Ich habe den Herrn beständig vor Augen“. Richten wir also immer wieder unseren Blick auf Christus. Dann können wir das Leben bestehen.

 

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

Siehe auch den Betrag zum Thema: Wie Christen über Sterben und Tod denken

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