Leben in Fülle

Leben in Fülle

4. Sonntag der Osterzeit – Lesejahr A – 11. Mai 2014
Lesungen: Apg 2,14a, 36-41 / 1 Petr 2,20b-25 / Joh 10,1-10
Liturgie (hier)

Zum Anhören der Predigt bitte am Ende des Textes auf das kleine Dreieck am linken Balkenende klicken

Aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte“, schreibt der Evangelist Johannes in der Erzählung von der Tür zum Schafstall..

Verstehen wir denn den Sinn dessen, was Jesus gesagt hat? – Ich bezweifle es. Denn es fehlt uns die Anschauung des Hirtenlebens. Schafherden sind in unserer Gegend selten. Wenn wir dann doch einmal einer begegnen, bleiben wir gern eine Weile stehen und lassen uns von diesem Idyll des Friedens anrühren.  Da stimmt einfach alles. Ruhe ist da, kein aufgeregtes Hin und Her. Der Hirte hat freien Zugang zum Schafstall. Ein paar Worte genügen und die Schafe folgen ihm auf die Weide, weil sie seine Stimme kennen. Dem fremden Dieb und Räuber hingegen folgen sie nicht. Er will durch die Hintertür einsteigen. Das macht ihn verdächtig. Die Schafe haben ein feines Gespür. An der Stimme erkennen sie ihren Hirten.

 Ist das ein Bild für das Leben des Menschen heute?  Ist das nicht eher ein verlorenes Paradies, dem wir nur noch nostalgisch nachtrauern?

Ein Bild dafür, wie es sein könnte unter uns Menschen, ist es allemal. Woran also liegt es, dass die Tatsachen doch ganz anders sind. Warum rennen die Menschen lieber denen nach, die sie mit falschen Versprechen locken? Können wir nicht mehr unterscheiden zwischen den guten Hirten und den fremden Dieben und Räubern? Oder haben wir im Stimmengewirr unserer Tage die heilenden Worte der guten Hirten überhört? Laufen wir nur noch marktschreierischen Versprechen nach!?  Oder gibt es gar keine guten Hirten mehr?

Auf diese Fragen können wir hier keine umfassende Antwort geben. Sie gehören eher in die persönliche Lebensbetrachtung des Einzelnen und man kann nur hoffen, dass es jedem von uns gelingt, auch einmal über so wichtige Fragen nachzudenken.

In den Lesungen des heutigen Sonntags finden wir nur grundsätzliche Hinweise für ein gelingendes Leben.

Da fällt zuerst auf, dass Petrus mit seiner Rede am Pfingsttag die Zuhörer ganz schön verstört hat: „Es traf sie mitten ins Herz“. Das griechische Wort an dieser Stelle lässt noch weitere Beschreibungen zu. Es ist jenes seltsame Erschaudern, wenn man von den Geheimnissen des Überweltlichen angerührt  wird. Es ist eine Mischung aus Faszination und Schrecken, die einen überfällt, wenn man mit vertrauten Deutungen des Erlebten nicht mehr zurecht kommt – es ist eine Erschütterung der ganzen Existenz.

Was hat Petrus denn da angerichtet?

Er hat die Zuhörer nur mit ihrem eigenen Leben konfrontiert. Sie mussten einsehen, dass sie mit Gott gar nicht mehr gerechnet hatten. Und: dass dieser Gott nicht einfach irgendwie im Himmel thront, sondern mit einem menschenfreundlichen Antlitz mitten unter ihnen war – in Jesus von Nazareth. Und sie hatten ihn nicht erkannt und nicht auf seine Stimme gehört. Ja, sie haben ihn sogar wie einen Verbrecher kreuzigen lassen. Diese Einsicht stach ihnen ins Herz. Sie fragten, was sie jetzt tun sollten? Sie waren jetzt bereit, ihr Leben umzukehren, wieder mehr nach innen zu hören und sich nicht von lärmenden Schreiern verführen zu lassen.

Die Botschaft dieser Stelle aus der Apostelgeschichte lautet also dann:

Hör genauer hin – lass dich nicht durch wohlklingende Worte betören. Gott redet eher leise – so wie es Liebende miteinander tun.

Der erste Petrusbrief bekräftigt diese Einsicht: Jesus Christus war kein lärmender Volksverführer, sondern ein Freund der Herzenstöne, der – wenn es nicht anders ging – auch die Lasten der Menschen auf sich nahm. Petrus beschreibt ihn als einen Dulder, als einen, der auch leiden kann! Der Psychologe Viktor Emil Frankl hat zu den von Sigmund Freud vorgeschlagenen zwei Kennzeichen einer seelischen Gesundheit, nämlich „Arbeiten können und Lieben können“ ein drittes hinzugefügt: „Leiden können“.

Die Botschaft dieser Stelle aus dem Petrusbrief lautet  dann:

Rettung und Heil ist nicht auf Kuschelwegen zu erreichen, sondern verlangt oft genug Geduld und Ausdauer, im Schweren Stand zu halten. Jesus Christus ist uns da vorausgegangen und ermutigt uns, ihm auf diesem Weg zu folgen.

Und jetzt verstehen wir vielleicht auch die Bildersprache Jesu. Er will eine Tür sein, die in den Bereich der Rettung hineinführt. An anderer Stelle identifiziert er sich auch direkt mit dem guten Hirten. Er ist kein tyrannischer Herrscher, sondern ein einladend Liebender. Seine Sorge gilt den Seinen, wie die Sorge des Hirten seinen Schafen gilt. Er will nicht manipulieren, sondern zum vollen Leben verhelfen. Wer nicht durch die Tür hineingeht, ist ein Dieb und ein Räuber, sagt Jesus. Der wahre Hirte kommt nicht wie ein Einbrecher. Man kann ihn angstfrei erwarten.

Jesus Christus, der gute Hirt, wird sich nicht aufdrängen. Aber er wird mit seiner Botschaft von der Liebe unter uns werben, dass wir auf seine Stimme hören und ihm folgen. Er allein kann in das wahre und volle Leben führen und Freiheit und Frieden unter uns schaffen.

 

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

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