Auf die Baugrundlage kommt es an

Auf die Baugrundlage kommt es an

5. Sonntag der Osterzeit – Lesejahr A – 18. Mai 2014
Lesungen: Apg 6,1-7 – 1 Petr 2,4-9 – Joh 14,1-12
Liturgie (hier)

Zum Anhören der Predigt bitte am Ende des Textes auf das kleine Dreieck am linken Balkenende klicken

Die Worte des heutigen Evangeliums sind uns nicht ganz fremd. Sie werden manchmal in einem Requiem für Verstorbene vorgelesen – als tröstlicher Gedanke, dass nach dem Abbruch unserer irdischen Wohnung eine Wohnung im Himmel bereits steht. Entnommen sind sie den sog. Abschiedsreden Jesu. Darin erschließt sich das besondere Verhältnis Jesu zu Gott, den er seinen Vater nennt – mehr noch – den er als erster seiner jüdischen Glaubensbrüder mit dem Kosenamen Abba (wörtlich übersetzt: Papa) anspricht. Noch heute kann man in Israel aus Kindermund dieses Wort Abba hören – und das rührt einem dann schon merkwürdig an. Jesus bekundet mit dieser Anrede ein neues Verhältnis zu Gott, das nicht exklusiv bleiben will, sondern auch uns mit einbezieht.

Zwischen Lesung und Evangelium lässt sich zudem ein Spannungsbogen erkennen, der für unsere Beziehung zu Gott bedeutsam ist.

Petrus, ein Jude, vertraut mit dem Lebensgesetz seiner Väter, weiß um die Wichtigkeit der Anstrengung: man muss etwas tun, um vor Gott bestehen zu können; man muss – in der Sprache der Bauleute – aufbauen und weiterbauen am eigenen geistlichen Haus. Wer vor Gott taten-los ist, ist kein tadel-loser Frommer! Wir sind in der Welt, um die Werke Gottes zu vollbringen, nach seinem Willen die Schöpfung zu bewahren und zu gestalten, also nicht nur zuzuschauen, wie sich alles entfaltet und dann vor Schrecken zu erstarren, wenn Schlimmes geschieht, sondern Hand anzulegen und sich einzumischen.

Bilder aus dem Bauhandwerk finden sich übrigens oft in Texten der Hl. Schrift; sie umschreiben alles menschliche Tun, noch vor jedem Urteil darüber, ob es gut oder bös ist. So bauen die Bewohner Babylons an einem gewaltigen Turm – nichts dagegen einzuwenden. Aber sie überschreiten das menschliche Maß. Das gerät ihnen zum Verhängnis. Noah baut eine Arche, um sich und die Seinen vor der drohenden Sintflut in Sicherheit zu bringen. Richter und Propheten bauen in Gebetsorten Altäre und schließlich baut Salomon einen prächtigen Tempel, damit das Gottesvolk einen Ort der Verehrung und Anbetung Gottes hat.

Aber all diese verschiedenen Bauten bleiben irgendwie vergängliches Menschenwerk. Sie werden im Laufe der Geschichte wieder zerstört oder abgerissen. Selbst der gewaltige Tempel, religiöser Mittelpunkt Israels, wird wenige Jahrzehnte nach Christus von den Römern bis auf den letzten Stein dem Erdboden gleich gemacht.

Könnte das nicht ein Hinweis darauf sein, dass die Menschen oft eine wichtige Voraussetzung für das Bauen übersehen, eine „Baugrundlage“, ohne die man einen Bau weder beginnen noch vollenden kann? In unseren Tagen erleben wir viele „Baustellen“, die nicht vorankommen oder gar als Bauruine einfach stehen bleiben.

Von einer Baugrundlage im übertragenen Sinn spricht sowohl der Petrusbrief als auch das Evangelium:

  • Im Petrusbrief steht dafür das Wort „Eckstein“. Der Brief nimmt das Bauen als Bild für die Errichtung eines geistigen Hauses, das nicht aus Steinen, sondern aus Menschen erbaut wird und nur dann Bestand hat, wenn der Eckstein, nämlich Jesus Christus, nicht fehlt.
  • Im Evangelium hat die Baugrundlage den Namen „Weg, Wahrheit und Leben“ und wiederum ist Jesus Christus gemeint. Auch hier ist von einem Haus die Rede, von Gott errichtet als die endgültige Wohnung, auf die hin die Menschen unterwegs sind.

Wir sollten uns also ab und zu auf diese „Baugrundlage“ besinnen. Es nützt wenig, nur zu arbeiten und zu bauen – auch dann nicht, wenn dieses Arbeiten und Bauen religiöse Namen hat – wie Beten, Fasten, Almosen geben, Opfer bringen, überhaupt alle guten Werke, die sich der Fromme so ausdenkt.

Wir müssen auf den Eckstein und auf den Weg blicken – oder noch richtiger – wir müssen uns von Jesus Christus anblicken lassen. Denn aus seinem Antlitz schaut uns der Vater-Gott an und meint uns.

Das tröstende Wort Jesu an seine Jünger – und an uns – heißt: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren“ (Joh 14,1). D.h. werdet nicht ängstlich nervös und ungeduldig bei euerem Bemühen um ein gutes Leben! Baut nicht nur einfach darauflos, nur damit überhaupt etwas vorangeht, sondern erinnert euch daran, dass ich euch die Hand führen kann, dass ich den Bauplan vorgegeben habe, dass das Wollen und das Vollbringen in meinen Händen liegt.

Jesus Christus hat uns sein Geheimnis offenbart: seine Nähe zum Vater, sein Eins-sein mit ihm. Er lädt uns ein, an diesem Eins-sein teilzuhaben. Das ist ein Geheimnis des Glaubens und ein Geschenk seiner unbegreiflichen Erwählung. Das ist kein Ergebnis unseres Bemühens – nein: umgekehrt: unser Bemühen kann immer nur die Frucht dieser Vor-wahl sein, so wie ein gut gelungener Bau immer nur Ergebnis eines gutes Bauplanes, einer guten Baugrundlage, ist.

Heute, am Sonntag, dürfen wir aufblicken zu Gott, unserem Vater, und uns dankbar an alles erinnern, was er uns durch Jesus Christus geschenkt hat. Wir bringen ihm das Opfer des Lobes dar und geben das Werk der vergangenen und der kommenden Woche aus den Händen – in Seine Hand.

Gott ist der Bauherr auch unseres Lebens. Der Psalmbeter hat recht, wenn er daran erinnert: „Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut“ (Psalm 127,1). Was wir vollbringen, gründet in ihm.

 

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

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