Pfingsten – ein gefährliches Fest

Pfingsten – ein gefährliches Fest

Pfingsten –  Lesejahr A – 08. Juni  2014
Lesungen: Apg 2,1-11 / 1 Kor 12,3b-7.12-13 / Joh 20,19-23
Liturgie (hier)

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Es gibt für uns in der Kirche kein gefährlicheres Fest als Pfingsten. Warum? Weil wir uns an diesem Fest dem größten Geheimnis der Dreifaltigkeit, dem Hl. Geist zu nähern versuchen.

Was wissen wir vom Hl. Geist? Reichlich wenig. Gott Vater, den wir als Schöpfer der Welt bekennen und bei dem wir uns in unseren Nöten bergen möchten, ist uns irgendwie näher. Auch einem Nichtchristen fällt es leicht, eine väterliche Gottheit anzuerkennen. „Brüder, überm Sternenzelt, muß ein lieber Vater wohnen“, heißt es in der „Hymne an die Freude“ in der 9. Sinfonie Beethovens. Darin sind sich die Menschen schnell einig.

 

Auch zu Jesus, dem Mensch gewordenen Gott, finden wir eher einen Zugang, weil er ein Menschenantlitz trägt. Wir können uns ein Bild von ihm machen. Nach dem Zeugnis der Hl. Schrift muß er ein freundlicher, hilfbereiter, guter Mensch gewesen sein. Aber was wissen wir von Gott, dem Hl. Geist?

Der Hl. Geist ist nicht greifbar, nicht vorstellbar. Er ist unberechenbar. Wo in der Bibel von seiner Gegenwart die Rede ist, gerät manches durcheinander, stehen die Leute vor einem Rätsel. In der Apostelgeschichte z.B. ist von einem heftigen Sturm die Rede, von Feuerzungen: Bilder für ein ungewöhnliches Ereigniss. Die Menge der Jerusalempilger strömt zusammen und das Erstaunliche ist das Sprachenwunder. Beobachtern von heute würde es nicht anders ergehen als den Augen- und Ohrenzeugen von damals. Man sucht und findet eine einfache Erklärung: ach was, diese Anhänger Jesu da, die sind doch nur betrunken! Deshalb gebärden sie sich so eigenartig. Wer sonst kann am hellichten Tag so außer sich sein als einer, der im Rausch den Sinn für die Realität verloren hat.

Bis jetzt haben wir ja geglaubt, Gott sei ein Gott der Ruhe und Ordnung. Jetzt zeigt sich Gott auf einmal von einer ganz anderen Seite –  als einer, der die Maßstäbe über den Haufen wirft und Sicherheiten weg nimmt, Grenzen und Mauern zwischen den Menschen beseitigt und in eine gefährliche Freiheit führt.

„Es ist kein Wunder“, sagte der Jesuit Karl Rahner, „daß wir Angst haben vor dem Hl. Geist. Denn wir wollen stets wissen, woran wir sind, wollen die Posten unserer Lebensrechnung klar vor uns haben und selber zusammenzählen zu einer klaren Summe, die wir überschauen. Wir fürchten in unserem Leben Experimente, deren Ausgang nicht absehbar sind“.

So ist es in der Tat. Ein bequemer Gott wäre uns lieber, einer, mit dem man hantieren kann, der sich einplanen läßt in unseren Alltag wie man eine beliebige Beziehung einplant. Berechenbar muß sie sein. Aber Gott läßt sich nicht verplanen, auch nicht von den Hauptamtlichen in der Kirche. Als Papst Johannes XXIII. vor gut 50 Jahren ein Konzil der Erneuerung ankündigte und von einem neuen Pfingsten sprach, ahnte er nicht, welches Durcheinander in die römisch-katholische Kirche kommen würde. In unseren Gemeinden geriet damals alles in Bewegung und manche Ängstliche haben sich entweder in streng konservative Frömmigkeit geflüchtet – wie z.B. die Piusbrüder – oder der Kirche, die anscheinend keine Sicherheit mehr bot, ganz den Rücken gekehrt.

Vieles ist inzwischen geschehen. Ein neuer Weltkatechismus kam heraus. Vor kurzem haben wir ein neues Gotteslob bekommen. Die größte Neuigkeit aber war Papst Franziskus, der „vom Ende der Welt kam“, wie er nach seiner Wahl von sich selbst gesagt hat.

Es war und ist ein langer und schmerzlicher Reifungsweg für unseren Glauben. Die Unruhe und gefährliche Unberechenbarkeit des Hl. Geistes ist nur der Anfang seines Wirkens. Wo immer wir Veränderungen und Bewegungen beobachten, sollten wir wachsam und hellhörig werden. Denn da sind Kräfte am Werk, die unser Begreifen überstei­gen. Unterscheidung der Geister ist gefragt. Wie aber geht das?

An drei Wirkungen läßt sich der Einfluß des Hl. Gei­stes vom Ungeist unterscheiden:

  1. an der Erfahrung von Sündenvergebung und Versöhnung
  2. an dem, was Paulus die Früchte des Geistes nennt: Friede, Freude, Liebe, Geduld, usw.
  3. an der Aufhebung der Sprachenverwirrung und der Wiederherstellung der Einheit.

Die Sündenvergebung ist die erste Wirkung des Hl. Geistes. Jesus hauchte seine Jünger an und verlieh ihnen die Vollmacht, Sünden nachzulassen. Wer Jesus traut, dessen Schuldschein ist ungültig gemacht. Er braucht sich nicht mehr durch angestrengtes Tun vor Gott zu rechtfertigen. Er ist gerechtfertigt durch den Beistand, den Hl. Geist.

Wenn unter uns Friede, Geduld, Liebe und Freude zunehmen, wenn es uns mehr und mehr gelingt, die Schwierigkeiten im Zusammenleben abzubauen, dann ist der Geist Gottes am Werk. Es ist ein eindeutiges Zeichen seines Wirkens, wenn sich herzliche Zuneigung ausbreitet und übertriebene Erwartungen aneinander zurückgehen.

Und schließlich: wenn Mißverständnisse abgebaut werden, wenn jeder wieder seine Sprache findet und sich verständlich ausdrücken kann, wenn wir lernen, wirklich aufeinander zu hören, dann merken wir auch, daß wir zueinander gehören, daß wir, wie die Bibel sagt, eine Sprache sprechen und einander verstehen.

Gerade das braucht die Menschheit heute besonders. Viele Runde Tische hat es gegeben, die kein Ergebnis brachten. Wenigstens hat man wieder einmal miteinander geredet; aber man hat sich nicht verstanden. Das ist wie bei der Sprachenverwirrung beim Turmbau zu Babel. Sich nicht mehr verstehen, aneinander vorbei reden kommt daher, weil jeder seinen eigenen Lebensturm bauen will, eigenmächtig sich und die Mitwelt in sein Denken einschließen möchte. Dieser Weg führt ins Nichts. Immer mehr wird es uns klar. Wir müssen uns bekehren zur Einheit, die der Geist Gottes wirkt. Wir müssen glauben an die Macht des Allmächtigen, der einer zerrissenen Menschheit die Einheit schenken kann. Papst Franziskus glaubt daran. Sonst hätte er nie die Palästinerpräsident Mahmud Abbas und den israelischen Präsidenten Schimon Peres für heute nach Rom eingeladen – zu einem gemeinsamen Gebet um den Frieden. Dass der orthodoxe ökumenische Patriarch Bartholomäus auch dabei ist, gibt dem mutigen Schritt ein besonderes Gewicht.

Am Pfingstfest feiern wir unsere unerschütterliche Hoffnung auf die Wirkmacht des Hl. Geistes. Wir nehmen die  Mahnung des Apostels Paulus im Epheserbrief mit: „Achtet also sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht töricht, sondern klug. Nutzt den rechten Augenblick, denn das Böse beherrscht die Zeit. Darum seid nicht unverständig, sondern begreift, was der Wille des Herrn ist. Seid nicht zügellos und berauscht euch nicht mit Wein, sondern laßt euch vom Geist erfüllen“ (Eph 5,15 ff).

 

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

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