Ein dreifaltiger Gott?

Ein dreifaltiger Gott?

Dreifaltigkeitssonntag  – Lesejahr A – 15. Juni 2014
Lesungen: Ex 34,4b.5-6.8-9 / 2 Kor 13,11-13 / Joh 3,16-18
Liturgie (hier)

Zum Anhören der Predigt am Ende des Textes auf das kleine Dreieck am linken Balkenende klicken

Martin Buber erzählt in seiner Sammlung jüdischer Geschichten folgende Begebenheit: Ein Schüler trat eines Morgens in das Lehrhaus. Er hatte die Türklinke noch in der Hand. Da schaute der Rabbi vom Buch auf und fragte ihn: „Was ist Gott?“ – Der Schüler schaute ihn groß und stumm an. „Was ist Gott?“ – Der Junge senkte den Kopf. „Warum antwortest Du nicht?“, fragte ihn der Alte. „Weil ich es nicht weiß“, gab der Junge zur Antwort. Da sagte der Rabbi: „Weiß ich es denn? Ich weiß nur, dass ER ist und dass außer Ihm nichts ist. – Und das ist ER“.

Heute, am Fest der Hl. Dreifaltigkeit, geht es uns wie dem Rabbi. Über Gott können wir eigentlich nur sagen, dass wir nichts sagen können. Wäre es also dann nicht besser, zu schweigen? – Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat jedenfalls vorgeschlagen: „Worüber man nicht reden kann, davon soll man schweigen“.

Ich bin nicht sicher, ob wir gut beraten sind, diesem Vorschlag zu folgen. Auch wenn unser Reden von Gott eher ein Stottern ist, sollten wir es doch versuchen. Während wir nämlich über Gott reden, werden wir uns selber gewahr, sprechen wir auch von uns und kommen unserer eigenen Wirklichkeit näher. Niemals werden wir Gott verstehen, wenn wir uns selber nicht verstehen. Sind wir doch seine Geschöpfe, nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen.

Wir können also die Gottesfrage in die Menschenfragen einsäen und umgekehrt die Menschenfragen auf die Gottesfrage hin öffnen, sagt der Theologe Leo Karrer.

Lassen wir also die Frage des jüdischen Rabbi an seinen Schüler als an uns gerichtet gelten und suchen wir Antworten, auch wenn sie noch so unvollständig sind.

Wenn ich wissen will, wer ein bestimmter anderer Mensch ist, den ich nur dem Namen nach kenne,  muss ich auf ihn zugehen und versuchen, ihn zu treffen. Durch viele Begegnungen wird er mir im Laufe der Zeit vertraut. Ich lerne ihn kennen.

Sollen wir also nicht einfach auf Gott zugehen, ohne genau zu wissen, wer er ist. Helmut Thielike hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Wie wenn Gott wäre“. Man solle also einfach so leben, als ob Gott wirklich existieren würde. Nach dem Zeugnis der Hl. Schrift hat sich Mose auf dem Berg Sinai dem verborgenen Gott genähert, ihn mit dem Namen Jahwe sogar angerufen. Daraufhin wurde ihm eine besondere Einsicht geschenkt. Er erkannte: Gott ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue. Mose schöpfte Mut und bat um Nachsicht für seine Leute, sein störrisches Volk.

Dem großen Gott also kann sich der Mensch nähern, er kann ihn anrufen in seinen Sorgen und Nöten. Diese wichtige Erfahrung hat sich im Laufe der Geschichte Israels immer wieder bestätigt. Es lohnt sich, einmal das Lied der Erlösten, den Psalm 107  zu lesen. Das ist ein beredtes Zeugnis für diese Wahrheit.  Zuletzt hat Gott in einer unüberbietbaren Weise durch seinen Sohn Jesus Christus  gezeigt, dass er in der Nähe des Menschen sein will. Das Auftreten Jesu war ein Zeugnis für Gott, war sozusagen Gottes letztes Wort an die Welt, nachdem er bereits „oft und auf vielerlei Weise“ – wie der Hebräerbrief sagt – zu uns gesprochen hatte. Gott kommt dem Menschen auf verschiedene Weise entgegen. Manchmal hinterlässt er einen so starken Eindruck, dass die Menschen anfangen, über ihn zu reden und ihre religiösen Erfahrungen auszutauschen.

Eine davon ist die Erfahrung einer guten Ordnung. „Kehrt zur Ordnung zurück“, schreibt Paulus an die Korinther, „seid eines Sinnes und lebt in Frieden“ (vgl. 2 Kor 13-11-13). Dann werdet ihr erfahren, dass der unbegreifliche Gott greifbar nahe ist – als Gott der Liebe und des Friedens mitten unter euch.

Unsere Sprache entbirgt manches, wenn man genauer hinhört. So findet sich z.B. in dem Wort Ge-heim-nis als mittlere der drei Silben das Wort „Heim“. Ein Ge-heim-nis also hat mit einem Heim, mit einem Obdach zu tun, das wir suchen und brauchen.

Könnte es sein, dass wir in unseren Zeiten deshalb so unbehaust sind, weil wir keine „Geheimnisse“ mehr haben, weil uns das „Heim für die Seele“ verloren gegangen ist?

Gott, der dreifaltige, ist das größte Geheimnis.  Aus den Worten Jesu, die der Evangelist Johannes aufgezeichnet hat, hören wir heraus, dass Gott keine in sich verschlossene Größe ist, sondern Kommunikation, Gemeinschaft von Vater, Sohn und Geist.

Ich lese die Worte Jesu so: wir sind eingeladen, uns unter das Geheimnis des dreifaltigen Gottes zu stellen wie unter ein schützendes Dach.  Denn ER über-dacht uns in allen unseren Lebenslagen. ER ist das Obdach für unsere Seelen.

Wer ist Gott, der Dreifaltige? Werden uns die Muslime verstehen, die die Einheit Gottes gefährdet sehen, wenn wir ihn dreifaltig nennen? Viele Gespräche wird es noch brauchen, bis  Christen, Juden und Muslime erkennen, dass sie den gleichen Gott anbeten und verehren. Für alle Gott suchenden Menschen wird eines gelten, was in einem anspruchvollen Gedicht von Monika Hemri ausgesprochen ist:

Es geht (letztlich) nicht darum
ob wir dich (Gott) Vater oder Mutter nennen
auch nicht darum
ob das Wort Herr noch zulässig sei
es geht nicht darum
ob du im Tun oder im Ruhn
zu finden seist
nicht einmal um den Namen
deines Gebetshauses geht es
es geht nur darum
dass ich
in dir niederkniend
dich in mir wachsen lasse –
um ein Können geht es dann aber
auch nicht mehr
Amen

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

Print Friendly, PDF & Email