Der Weg der Güte und Menschenfreundlichkeit

Ein Kommentar zu den Bibelstellen: 1 Kön 21,1-16; Mt 5,38-42

Keine leichte Kost
Sowohl der Abschnitt in der Bergpredigt, in der Jesus über die Vergeltung redet (Mt 5,38-42) als auch die Geschichte aus dem Königshaus Ahab über die gewalttätige Aneignung eines Grundstücks (1 Kön 21,1-6) widersprechen unserem normalen Gerechtigkeitsempfinden. Warum sind diese Texte dann in die Bibel aufgenommen worden? Soll damit vielleicht unsere Erregung befördert und damit eine Auseinandersetzung mit unserem eigenen Verhalten in Gang gebracht werden?

Verzicht auf Widerstand
Der alttestamentliche Grundsatz „Auge für Auge und Zahn für Zahn“ (2 Mos 21,24) galt in der Rechtsgeschichte bereits als Fortschritt gegenüber dem Faustrecht. Da war der Stärkere immer im Recht. Rücksichtslos konnte er seine Interessen durchsetzen. Einen Ausgleich der Ansprüche, eine „Verhandlungslösung“ konnte den Rechtsfrieden sichern. Demnach sollte die Strafe für ein Vergehen maßvoll sein, also dem Grad der Verfehlung entsprechen. Jesus geht aber darüber weit hinaus. Er will durch Sanftmut und Liebe seine Gegner umstimmen und auf Vergeltung ganz verzichten. Er handelt selber nach dem Grundsatz der zuvorkommenden Liebe: „Wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln“ (Sprüche 25,21.22). Dein Feind bekommt so die Chance eines Gesinnungswandels. Güte und Menschenfreundlichkeit kann sich durchsetzen, auch wenn es dafür keine Garantie gibt.

Die eigenen Interessen mit allen Mitteln durchsetzen
Dass der Königs Ahabs mit einem Nachbargrundstück seinen Besitz erweitern will, ist zunächst nichts Ungehöriges. Er verhandelt ja mit dem Eigentümer Nabot, bietet ihm einen angemessenen Kaufpreis an oder im Umtausch einen anderen Weinberg. Man kann auch verstehen, dass Nabot das Ansinnen ablehnt. Er will das Erbe seiner Familie zusammenhalten und für seine Nachkommen bewahren. Die Geschichte nimmt aber mit dem Auftreten der Ehefrau Isebel eine dramtische Wende. Isebel war keine Jüdin, sondern die Tochter Etbaals des Königs der Sidonier und leidenschaftliche Anhängerin des Baalkults. Die Hl. Schrift stellt sie als kühle und böse Götzendienerin dar, die ihren Mann dazu aufstachelte, Böses zu tun. Sie bekämpfte Elia, rottete die Propheten des Herrn aus und leistete sich selbst 450 Propheten des Baal und 400 Propheten der Aschera, die an ihrem Tisch aßen (vgl. 1 Kön 18,19). Ihren Nachbarn Nabot lies sie fälschlicherweise anklagen und erwirkte seinen Tod durch Steinigung, nur, damit ihr Mann, der König von Israel, das Nachgrundstück in Besitz nehmen konnte. Landraub und Mord war für sie als Königin ein Kavaliersdelikt. Das Recht des Stärkeren nahm sie für sich und ihren Mann in Anspruch.

Was damals war, ist auch heute noch anzutreffen
Jede Erregung über so viel Unmenschlichkeit muss sich fragen lassen, ob es nicht auch in unseren Tagen vergleichbare Handlungen gibt. Jüngstes Beispiel ist vielleicht die raffinierte Aneigung der Krim durch den Machhaber Wladimir Putrin für seine russischen Interessen. Andererseits werden wir auch fündig, wenn wir nach Beispielen einer großzügigen selbstlosen Liebe fragen. In allen Regionen der Welt – und nicht nur in den christlichen – treffen wir Frauen und Männer an, die den sanften Weg der Güte und Menschenfreundlichkeit gegangen sind. Mahatma Gandhi, Nelson Mandela oder die vielen anderen kleinen und unbekannten Dienerinnen und Diener des Alltags zeigen den Weg der Gerechtigkeit, der nicht auf der Durchsetzung egoistischer Interessen, sondern auf dem Wohl der Gemeinschaft und der Förderung seiner Mitmenschen beruht.

Wer immer diesen „Weg der Barmherzigkeit“ (Papst Franziskus) geht, dient dem Wachsen und Reifen der Gottesherrschaft unter uns und der Zurückweisung und Eindämmung der Mächte des Bösen. Biblische Geschichten und biblische Lebensweisheiten sind damals wie heute aktuell. Sie regen unsere Phantasie an, nach dem Guten und Rechten zu forschen und es im eigenen Leben zu verwirklichen.

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