Aufbruch ins ungewisse Neuland

Aufbruch ins ungewisse Neuland

14. Sonntag im Jahreskreis – Lesejahr A – 06. Juli 2014
Lesungen: Sach 9,9-10 / Rom 8,9.11-13 / Mt 11,25-30
Liturgie (hier)

Zum Hören der Predigt am Ende des Textes auf das kleine Dreieck am linken Balkenende klicken

 

In letzter Zeit häufen sich die Nachrichten über zunehmende Flüchtlingsströme. Jeden Tag suchen mehr Menschen den Weg über das Mittelmeer nach Italien und in die anderen  Außengrenzen Europa. Sie können nicht mehr in Frieden leben. Kriegswirren, Überschwemmung und Dürre suchen ihre Länder heim.

Ihr Leben ist bedroht. Sie haben nichts mehr zu essen. Also brechen sie auf in Richtung neuer Nahrungsquellen. Sie werden in ihren Heimatländern unterdrückt und verfolgt. Also suchen sie Asyl in sicheren Staaten.

Neu ist das nicht. Es erinnert uns an ähnliche Fluchtbewegungen vor mehr als 1000 Jahren – an die „Völkerwanderungen“. Immer schon suchten die Menschen bessere Lebensbedingungen und Freiheit. Eine unglaubliche Ausdauer beflügelte z.B. die Israeliten auf ihrem 40jährigen Weg durch die Wüste. Sie wollten dem Sklavenhaus Ägyptens entkommen und in die Freiheit des Gelobten Landes gelangen.

Was zieht den Menschen nach vorne, weg vom Elend – hin zu einer ja ebenfalls noch unsicheren Zukunft? Reinhard Mey hat diese Sehnsucht des Menschen nach unbeschwertem und freiem Leben in seinem Lied vom Flug über den Wolken besungen: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste und Sorgen – sagt man – würden winzig und klein…“

Ein Leben ohne Freiheit bezeichnete der Hl. Paulus als Leben „im Fleisch“, mit anderen Worten: es ist ein im Irdischen verhaftetes Leben, ein auswegloses Leben. Paulus glaubt, dass dies kein unabwendbares Schicksal ist. Allen Getauften ruft er deshalb zu: „Ihr seid nicht vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt“. Gemeint ist:  ihr seid nicht auf immer und ewig im Sklavenhaus des Irdischen gefangen, sondern habt bereits ein Ausreisevisum in der Tasche. Der Sichtvermerk ist das Siegel des Hl. Geistes.

Dieses Siegel wurde den Menschen in Taufe und Firmung aufgedrückt. Der Weg in die neue Welt Gottes ist offen, auch wenn wir dort noch nicht angekommen sind. Dieser Weg hat keine unüberwindbaren Mauern und Grenzen mehr. Wir haben freie Fahrt – direkt in das Land Gottes hinein.

Wir können bei diesem Aufbruch in ein neues Land zwei Aspekte unterscheiden: Unsere Sehnsucht nach Freiheit und neuem Leben – und die „Sehnsucht“ Gottes nach uns, erkennbar in seiner Menschwerdung. Jesus Christus ist auf uns zugekommen: herabgestiegen, sagt Paulus, wie wir zu Beginn der Eucharistiefeier gebetet haben: „Gott, durch die Erniedrigung deines Sohnes – durch das Herabsteigen – hast du die Menschheit aus der Knechtschaft befreit!“

Gott und der Mensch – sie könnten sich auf halbem Weg treffen! Das würde aber voraussetzen, dass wir aufbrechen und uns nicht mit der bloßen Sehnsucht und dem Gedanken an die Freiheit begnügen. Das würde auch voraussetzen, dass wir Abschiede einüben und manches zurücklassen. Niemand bricht ohne Abschied und ohne die Verheißung eines besseren Lebens auf. „Kommt alle zu mir“, sagt Jesus, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen“ – Das heißt wohl: Bei mir findet ihr Entlastung.

Entlastung aber ist ein zweifaches: das Freiwerden von einer Last, aber auch das Hergeben einer Last. Manche Menschen haben Angst, überhaupt etwas herzugeben. Sie stöhnen lieber unter einer Last, als dass sie sich die Last abnehmen lassen. Sie meinen, ihr Leben sei dann nichts mehr wert, wenn sie nicht Lasten tragen, wenn sie nichts leisten. Das neue Leben im Geist ist – bildlich gesprochen – ein Leben frei von den Bindungen an diese Welt.

Wenn wir mit beiden Füßen auf dem Boden bleiben, werden wir niemals von der Stelle kommen. Wir müssen immer einen Fuß anheben und nach vorne bewegen. Einen Fuß in die Freiheit heben, mit dem anderen Bodenkontakt halten und das im Wechsel beider Füße. Dann erst beginnen wir zu laufen. Keiner kann von Geburt an laufen. Jedes Kind muss das Laufen erst lernen. So können auch wir als Getaufte nicht gleich wie Geistliche Menschen gehen. Wir müssen das im Laufe des Lebens erst lernen. Die natürliche Neigung drängt uns immer wieder zum Leben aus dem Fleisch, zu einer unseligen Haftung an diese Welt.

Die neuzeitliche Migration könnten wir auch als ein Symbol für den Weg in die Freiheit Gottes begreifen. Politisch geht es tragischerweise um eine Flucht aus einer todbringenden Umwelt, um innerweltliche Freiheit. Da sind wir gefordert, mehr als bisher zu tun, um diesen Flüchtlingen ein besseres Leben zu ermöglichen.  Im übertragenen Sinn geht es um die Freiheit von dieser Welt.

Bei unserem Aufbruch bleiben wir nicht allein. Uns kommt einer entgegen – ein demütiger König, sagt der Prophet Sacharja. Er verkündet allen Völkern den Frieden. Seine Herrschaft gilt dem ganzen Erdkreis. Gemeint ist Gott selbst. Auf ihn müssen wir unseren suchenden Blick richten – und dann aufbrechen, täglich neu.

 

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

Print Friendly, PDF & Email