Versiegelte Gaben

Versiegelte Gaben

15. Sonntag im Jahreskreis – Lesejahr A – 13. Juli 2014
Lesungen: Jes 55,10-11 – Röm 8,18-23 – Mt 13,1-23
Liturgie (hier)

Zum Hören der Predigt am Ende des Textes auf das kleine Dreieck am linken Balkenende klicken

Der Schriftsteller Wilhelm Raabe hat einmal über sich und seine Kollegen gesagt: „Wir sind wie Boten, die versiegelte Gaben zu unbekannten Leuten tragen“. Diese Selbsteinschätzung trifft auch für die Verkünder des Evangeliums zu. Das Wort Gottes ist wie eine versiegelte Gabe, die sich nur schwer aufschließen lässt. Prediger tragen diese Gabe zu Menschen, über deren konkrete Lebenssituation sie oft nur wenig wissen.

Immerhin sprechen sie vom größten Geheimnis, das die Welt kennt – vom geheimnisvollen Gott selbst. Die Ohnmacht der Sprache kann so groß sein, dass sie das Geheimnis sogar verschleiert. Deshalb gab es ja auch im Gottesvolk Israel ein Verbot, den Gottesnamen auszusprechen.

Prediger können so klerikal und weltfremd daherreden, dass am Ende kein Mensch mehr auf die Idee kommt, seine Fragen nach Gott von ihnen als den Amtsträgern der Kirche beantworten zu lassen. In einer offenen Welt erfahren wir immer schmerzlicher, dass manche Zeitgenossen von der Kirche nichts mehr wissen wollen, sondern sich anderen Sinnanbietern zuwenden.

So habe ich z.B. jemanden kennen gelernt, der seine spirituellen Bedürfnisse bei Schamanen besser aufgehoben glaubte als bei den Christen und deshalb aus der Kirche ausgetreten ist. So bleibt den Predigern oft nichts anderes mehr übrig, als um Vertrauen zu bitten bei ihren Zuhörern, damit Gottes Wort im unvollkommenen Menschenwort trotz allem ankommt.

Das Gleichnis vom Schicksal der Saatkörner hat Jesus ja selbst in diesem Sinne ausgelegt. Weitere Erklärungen erübrigen sich eigentlich. Dennoch sollten wir kurz darüber nachdenken, warum der Glaube in unseren Tagen so schwindet, warum sich immer mehr Menschen in Europa von der Kirche abwenden. Zwar hat es den Anschein, als ob sich bei der jüngeren Generation einiges tut. Der Katholikentag in Regensburg war so ein Hoffnungszeichen für einen religiösen Aufbruch. Aber auch dieses Ereignis war schnell wieder vergessen.

Was im Sämannsgleichnis beschrieben wird, geht alle an. Jesus erzählt mit Bildern aus dem bäuerlichen Alltag von der Schwierigkeit, ein Wort ins Ohr und ins Herz der Menschen zu säen, so dass es auch aufgeht und Frucht bringt. Er deutet die unterschiedlichen Einstellungen seiner Zuhörer zu seiner Botschaft und macht sie somit auch verantwortlich dafür, ob ein Wort von Gott ankommt oder nicht, ähnlich wie der Ackerboden „verantwortlich“ ist für das Aufgehen oder Verderben der Saat.

Verschiedene Gefahren drohen dem „Wort vom Reich“. Der Böse kommt und raubt es aus dem Herzen des Menschen wie ein Dieb. Das können wir so verstehen, dass auch wir in große Zusammenhänge hineingestellt sind. Zum Glauben zu kommen, ist nicht nur ein Ereignis zwischen Gott und dem Einzelnen. Nicht nur wir allein sind also „schuld“, wenn die Saat verdirbt. Manchmal sind wir den Kräften von außen auch hilflos ausgeliefert.

Oder: der Hörer ist ein Mensch des Augenblicks, der aufflammenden Begeisterung ohne Tiefgang und Innerlichkeit. Alles nur Strohfeuer. Es fehlt die Geduld. Nichts kann sich in Ruhe entfalten, einwurzeln und zum Leben kommen. Ohne Wurzel aber kann keine Pflanze wachsen. Wachstum braucht Zeit und Geduld.

Hektik und übertriebene Mobilität zeichnet den Lebensstil vieler Zeitgenossen aus. Manchmal sehe ich am Sonntag genau so viele Autos auf den Straßen wie an einem Werktag. Bevor der Mensch viel nachdenkt, reist er lieber. Rastlosigkeit ist auch eine Form, die schleichende Depression zu überwinden, sagen Fachärzte. Sie nennen diese neue Variante einer depressiven Erkrankung Sissy-Syndrom – nach der Kaiserin Elisabeth (Sissy), die ständig auf Reisen war. Die Menschen fliehen in das Erlebnis, fliehen vor sich selber – anstatt inne zu halten und in Ruhe einmal über ihr Leben nachzudenken. Da kann nichts aufgehen, nichts Wurzel fassen. Da ist jedes gute Wort wie in den Wind gesprochen.

Wir vergeben uns nichts, wenn wir heute – am Tag der Sabbatruhe – wieder einmal unsere persönliche Lebensweise befragen. Es geht nicht darum, den Christen bei einer solchen Lebensbilanz ein schlechtes Gewissen zu machen oder nur zu beweisen, dass man ohne Gott nicht wirklich leben kann, weil wir ihn brauchen wie die Luft zum atmen. Glaube kann nicht erzwungen werden. Und keine Methode kann sicherstellen, dass der Mensch anfängt, im Glauben zu wachsen und zu reifen.

Ich sage das auch noch deshalb, weil ich überzeugt bin, dass Gott die Menschen liebt, und dass es kein Zufall ist, wenn wir uns hier in der Kirche immer wieder zum Gebet und zum Gottesdienst versammeln. Damit bekennen wir uns als Suchende nach Gott und drücken unsere Hoffnung aus, dass Er niemals aufhört, nach uns zu suchen.

Der Kern der Worte Jesu, seine Botschaft vom Reich Gottes, ist nicht mehr und nicht weniger als die Liebe Gottes zu uns Menschen. Unsere Erlösung steht auf seinem Programm, unsere Befreiung, unsere Rettung und Ruhe ist sein Anliegen.

Diese Botschaft sollte nicht verstummen unter uns. Sie darf nicht übertönt und verdrängt werden durch den Lärm der Welt, auch nicht durch die tägliche Erfahrung unserer Grenzen, nicht durch Leid, Versagen und Schuld. Denn im Kreuz und in der Auferstehung Jesu ist uns auch auf diese dunkle Seite unseres Daseins eine wortlose Antwort gegeben worden. Hat nicht Jesus Christus sich selbst als ein Weizenkorn verstanden, das in die Erde eingesenkt werden und sterben muss, um das neue Leben hervorzubringen?

Diese christliche Wahrheit sollte wie ein großes Plakat über allen Türen unseres Lebens geschrieben stehen. Wir müssen uns immer wieder daran erinnen. Erhöhung muss durch die Erniedrigung hindurch. Ostern gibt es nicht ohne Karfreitag.

Aus der Betrachtung der Natur können wir lernen, dass die Saat eigentlich von selbst wächst. Der Bauer kann Wachstum nur fördern und die besten Bedingungen dafür schaffen – und dann muss er warten und hoffen, dass kein Unwetter alles wieder vernichtet.

So kann auch das lebendige Wort Gottes, ausgesät in unsere Lebenswelt, nur von selbst wachsen. Unser Zutun ist Vertrauen und Hoffnung und die Sorge, dass Wachstum nicht unnötig behindert wird. Der Herr von Aussaat und Ernte wird alles zu einem guten Ende bringen.

 

Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz (hier)

 

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