Die Tyrannei der Zahl

Wie sehr unser Leben von Zahlen bestimmt wird, ist uns kaum noch bewusst. Wir leben damit ganz selbstverständlich. Eine moderne Zivilisation kommt ohne Zahlenwerke nicht mehr aus. Welche Preis an Menschlichkeit dieser Fortschritt gebracht hat, kann eine Geschichte aus dem 2. Buch Samuel (vgl. 2 Sam 24) verdeutlichen.

Da wird berichtet, dass König David – wegen ständiger Kriegshandlungen in Sorge um sein Reich – eine Volkszählung anordnete. Er wollte die Zahl der wehrfähigen Männer wissen, um seine Chancen für mögliche Streifzüge oder das Risiko, überfallen zu werden und zu unterliegen, realistisch einschätzen zu können.

Ausgerechnet sein Feldherr Joab warnt ihn vor solch einem Vorhaben. Für einen Militär ist das schon ungewöhnlich, aber für den Kenner der alttestamentlichen Geschichtsauffassung nicht überraschend.

Denn Israel sollte nie und nimmer vergessen, wie die wirklichen Verhältnisse im Gottesvolk sind. Der Psalm 44 bringt es auf den Punkt. Dort heißt es – im Blick auf Sieg und Niederlage: „Denn sie gewannen das Land nicht mit ihrem Schwert, noch verschaffte ihr Arm ihnen den Sieg; nein, deine Rechte war es, dein Arm und dein leuchtendes Angesicht!“ (Ps 44,3-4). Also: nicht die kalkulierbare, in Zahlen messbare Stärke einer Streitmacht, entscheidet über Sieg und Niederlage, sondern allein das Wohlwollen Gottes für sein Volk und sein unbegreiflicher Ratschluss.

Wer aber seine Mannen zählt und mit Militärstatistik seine Unbesiegbarkeit geltend machen will, setzt auf das falsche Pferd. „Rosse und Wagen warf er ins Meer“, so heißt es im Siegeslied Israels über die ägyptische Streitmacht: nichts hat es ihnen gebracht! Der die Siege erringt, ist ein ganz anderer, der unbegreifliche und furchterregende Gott Jahwe.

David, der sich von Joab nicht umstimmen lässt und die Musterung anordnet, um seine militärische Stärke zu erfahren, wird denn auch von einem göttlichen Strafgericht in die Schranken gewiesen. Eine Pest rafft „zwischen Dan und Beerscheba siebzigtausend Menschen im Volk“ (2 Sam 24,15) dahin. David muss klein beigeben und sich – nach damals üblicher Art – durch die Errichtung eines Opferaltars vor Gott demütigen, um sein Volk von der Pestplage zu befreien.

Man kann diese Geschichte als einmalige – für unsere Zeit unbedeutende – Erzählung ad acta legen, wenn sie nicht so viele Assoziationen zu unserer heutigen „zählenden Gesellschaft“ hätte.

Wir sind Statistikmenschen geworden. Kein Unternehmen, kein Dienstleistungsbetrieb, kein Krankenhaus, Altenheim, keine Sozialstation kann heute ohne „Zahlenwerke“ leben. Nicht nur die Bilanzen und Kostenaufstellungen – reine Zahlenwerke -, sondern auch die Zahl der behandelten Patienten, die numerisch notierte Leistung (2 Minuten für „…“), die wiederum in Geld umgewandelt wird, sondern alle lebensnotwendigen Daten tragen den Charakter der Zahl. Wehe, wer keine Zahlen aufweisen kann. Er unterliegt im Gerangel um Zuwendungen, Anerkennung, Prestige und Erfolg.

Diese Einwände könnte man falsch verstehen, als ob es ein Irrweg, sei, die Ergebnisrechnungen der „Rechenmaschinen“ anzuerkennen. (Vermutlich hätte David auch einen Laptop zur Volkszählung verwendet, hätte es ihn damals schon gegeben!) Aber ein Stachel im Fleisch moderner Lebensgestaltung ist die Mahnung in der Geschichte doch.

Wir neigen nämlich dazu, den Wert des Lebens nur mehr in „Zahlen“ zu messen, als ob es keine anderen Sichtweisen mehr gäbe. – Was z.B. ist die Zeit wert, die ich am Bett eines Patienten verbringe, nur (!), um ihm mein Antlitz zu zeigen und in dieser stummen Geste Solidarität, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zu signalisieren? Die Antwort liegt auf der Hand: das kann man nicht „ab-rechnen“.

Aber so verderben wir uns selbst und das Volk, so verraten wir den Menschen, wie David, der es bitter büßen musste. Weil er der Verführung der Zahl nicht widerstand, geriet er ins „Elend der Zahl“.

Ich habe kein Rezept für einen besseren Weg im Computerzeitalter. Aber ich möchte mich und alle, denen diese Geschichte etwas sagen will, ein lautes „Halt!“ entgegenrufen und zu Besinnung und Einstellungswandel einladen. Wir müssen uns lösen von der Tyrannei der Zahl, müssen neben den unvermeidlichen Rechenspielen das „Spiel des einfachen Lebens“ wieder inszenieren. Dazu gehört ungeheuerer Mut. Das bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen. Da müssen wir manches Liebgewonnene möglicherweise „opfern“. Und vor allem müssen wir als Christen das verschüttete Wissen ausgraben, dass ein GANZ ANDERER Herr über Leben und Tod, Urheber und Erhalter unseres Daseins ist. Er ist nicht nur der „Herr der Zahlen“, sondern er kann uns auch aus dem „Tyrannei der Zahl“ befreien, sobald wir einräumen, dass nicht wir die Siege dieser Welt erringen, sondern „sein Arm und sein leuchtendes Antlitz“ (Ps. 44)

Mag sein, dass solche Zurücknahme in den Augen der Welt wie eine Niederlage erscheint. Aber Niederlagen sind nicht automatisch und unwiderruflich negativ, sondern, wie die Glaubensgeschichten zeigen, oft genug Not wendender Durchgang zu einem neuen Leben. Die Christen wissen das – und erinnern sich jeden Sonntag daran.

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