Trost in einsamer Wüste

Trost in einsamer Wüste

2. Adventsonntag, Lesejahr B – 2014
Lesungen: Jes 40,1-5 / 2 Petr. 3,8-14 / Mk 1,1-8)

Tröstet, tröstet, mein Volk, spricht euer Gott“ (Jes 40,1).

Immer, wenn ich diese Worte des Propheten Jesaja höre, muss ich an Menschen denken, die gerade ein schweres Los zu tragen haben und sich in der Wüste ihres Lebens einsam fühlen.
Wie klingen solche Worte in ihren Ohren? Spenden sie wirklich Trost und Kraft oder verklingen sie traurig wie eine billige Vertröstung?

Es ist ja kein Geheimnis, dass sich belastende Situationen nicht schlagartig ändern, wenn jemand ein gut gemeintes Wort oder ein zutreffendes Bild für mich hat. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Obwohl dieses Prophetenwort im Lauf der Geschichte immer wieder verkündigt wurde, halten sich das Leid und der Kummer in dieser Welt immer noch hartnäckig auf.

Wir befinden uns in einer vergleichbaren Lage wie die Leser des 2. Petrusbriefes. Diese hatten offenbar schon damals Zweifel an der Wirkung solcher Trostworte. Denn die nah erwartete Wiederkunft des Herrn in Herrlichkeit war ja nicht eingetreten. Schon waren drei Generationen gestorben. Von den ersten begeisterten Christen lebte niemand mehr, vielleicht noch der greise Apostel Johannes auf der Insel Patmos und die Neubekehrten in den von Paulus gegründeten Gemeinden in Kleinasien,

Nichts hatte sich zum Besseren gewendet – aus der Sicht der jüdischen Christen war alles sogar schlimmer gekommen: ihr religiöses Zentrum Jerusalem lag von den Römern verwüstet in Schutt und Asche.

Immer noch sprachen die Gemeindeleiter der jungen Christengemeinden vom Kommen des Herrn, ermahnten zur Wachsamkeit, erzählten ihre Erinnerungen aus der Zeit des Wirkens Jesu und danach, lasen später auch aus den schriftlichen Zeugnissen vor – z.B. die Worte Jesu: „Die Zeit ist erfüllt – das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an die Heilsbotschaft“. (Mk 1,15) Die Stimme des Predigers in der Wüste, Johannes des Täufers hatten sie nicht vergessen.

Aber – es tat sich nichts!

Und rechnet man drei Generationen für ein Jahrhundert, dann werden es bald 60 Generationen gewesen sein, die auf dieser Erde gelebt haben – und wir warten auch heute noch auf das Kommen Christi.

Unbequem sind solche Einsichten – und es ist schwer, sie zuzulassen, ob sie uns nun von Spöttern und Gegnern des Christentums vorgehalten werden oder ob sie aus unseren eigenen Glaubenszweifeln kommen.

Der Schreiber des 2. Petrusbriefes hat uns aber einen wichtigen Hinweis gegeben, warum wir uns in solchen Gedanken und Zweifeln so verfangen. Wir vergessen nämlich: „dass beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag sind“ (2 Petr 3,8). Gottes Zeitrechnung ist anders als die unsrige.

Es ist wie mit einem Bergwanderer, der den höchsten Gipfel der Alpen erstiegen hat. Nun sieht er am Horizont viele andere Gipfel, kennt vielleicht auch ihre Namen. Aber er kann nur abschätzen, wie weit die einzelnen Gipfel voneinander entfernt sind. Manchmal, bei Fön, scheinen sie greifbar nahe, an anderen Tagen unendlich weit entfernt.

So ist es auch mit prophetischen Texten der Hl. Schrift. Sie enthalten keine Zeitangaben in unserem Sinn. Sie sagen uns zwar, was kommen wird, geben aber keine Auskunft darüber, wann die einzelnen Ereignisse im Lauf der Geschichte eintreten werden.

Töricht ist deshalb der Mensch, der im Blick auf die Verheißungen Gottes von „Verzögerung“ oder von „Vertröstung“ redet. Er nimmt sein Zeitempfinden zum Maß für Gottes Zeit. Er verwechselt den Lauf der Geschichte, den wir in Tagen, Wochen, Monaten und Jahren messen, mit der Geschichte des Heils. Die Rettung und das Heil von Gott her ist nämlich ein immer-währendes Ereignis.

Jesaja hatte die Not seiner Landsleute in der babylonischen Gefangenschaft vor Augen: Leiden, Unruhe und harte Knechtschaft nennt er es (vgl. Jes 14,3). Sein Trostwort war nicht als Vertröstung gedacht, sondern als Ansage einer immer währenden Treue Gottes zu seinem Volk.

Im Bild vom Hirten sammelt er alle bisherigen Erfahrung des Gottesvolkes Israel mit Jahwe – und die lässt erkennen: nie hat Gott uns im Stich gelassen. Befragt doch die Vergangenheit. Schaut zurück und erkennt: Gott hat alles gut gemacht. Also können wir aufatmen – mitten in Drangsalen – und auf die immer währende Rettung hoffen.

Der Rufer in der Wüste, Johannes, gibt uns eine Vorstellung davon, wie dieser immer neue Aufbruch aussehen kann. Er empfiehlt eine Art kopernikanische Wende im Denken. Kepler und Kopernikus konnten nachweisen, dass nicht die Erde im Mittelpunkt unseres Sonnensystems steht, sondern die Sonne. Nicht um die Erde dreht sich alles – sondern alles dreht sich um die Sonne.

So sollen auch wir neu denken, dass nicht der Mensch im Mittelpunkt allen Geschehens steht, sondern Gott. Wir sollen umkehren und ein Leben führen, in dem sich nicht mehr alles um uns dreht, sondern um Gott. Ihm gilt es, einen Weg zu bereiten, ihm gilt es, die Pfade zu ebnen. Ihm gebührt der erste Platz.

Die Frage bleibt aktuell, warum wir Christen so wenig ausrichten, warum die Menschen unserer Tage nicht verstehen, dass die „kopernikanische Wende“ bereits im Gang ist. Es wird wohl an unserer Trägheit und Halbherzigkeit liegen, an unserem schwachen Glauben und unserer angekränkelten Hoffnung.

Der zweite Petrusbrief enthält einen wichtigen Hinweis. Vom „Tag des Herrn“ der kommen wird wie ein Dieb. Vom Zusammenkrachen der Elemente des Himmels und der Erde ist da die Rede. Und dann folgt die große Anfrage an die Leser:

Wie heilig und gottesfürchtig müsst ihr dann leben, den Tag Gottes erwarten und seine Ankunft beschleunigen“

Den Tag des Herrn – als die Vollendung von allem – können wir nicht herbeizwingen. Aber könnte es nicht so sein, dass wir Gott mit unserm Kleinglauben gleichsam „die Hände binden“, dass wir seine Ankunft verzögern?
Da Gott nichts ohne unser Zutun unternimmt, weil er unsere Freiheit respektiert, ereignet sich sein Kommen in einer langen Menschheitsgeschichte, in eine immer währende Ankunft, die jedem Einzelnen auf seine Weise zuteil wird. Gottes große Geduld mit uns wird darin sichtbar und gibt uns gleichsam einen Rippenstoß zur Umkehr und zu neuem Anfang.

 

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2 Kommentare

  1. Diese Predigt halte ich für einen ganz großen „Wurf“, der die Augen öffnet und Hoffnung gibt. Und – darf ich das einfach so sagen – Wort für Wort durchdacht und stilistisch fein ziseliert. Danke für diese kostbare Perspektive!

  2. Danke dir für deine tröstenden Gedanken. Sie dürfen sich erden und menschlich werden. Meine kleine Krippe steht schon. Der Trost ist mit Maria und Josef unterwegs. Möge ein Stern ihn hell werden lassen und uns behutsam berühren ***

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