Impulse zurückliegender Monate

  November 2014 An nebelverhangene und graue Tage denken wir, wenn der November kommt. Die herbstliche Farbenpracht in den Laubwäldern verblasst schnell. Totengedenktage und der Tod im eigenen Lebenskreis lassen sich nicht einfach verdrängen. Bunt ist das Leben allemal in wer jetzt schon das zu Ende gehende Jahr Review passieren läßt, wird wenig Gründe finden für ein Aufatmen. Viele ungeahnte Herausforderungen haben die Nachdenklichen unter uns beschäftigt – und kein globales Problem konnte befriedigend gelöst werden. Ebola, Krieg in der Ukraine (Ukraine bedeutet übrigens so viel wie: Region „am Rand“), die menschenverachtende Macht der IS im Orient, das Flüchtlingsdrama … Wohin geht die Reise? Was wird aus mir und meinen Lieben, was aus Deutschland, was aus Europa? Kaum sind wir Fussballweltmeister – schon sorgen wir uns um den EM-Titel! Gäbe es nicht Wichtigeres zu bedenken? Mir fällt auf, dass die tot geglaubte Volksfrömmigkeit wieder an Interesse gewinnt. Jedenfalls nehmen Wallfahrten aller Art zu: unterwegs sein mit einer Verheißung ist allemal besser, als wie ein Misanthrop in der Schmollecke zu sitzen. „Tu etwas! Dann geschieht etwas“, hat der Philosoph Jörg Splett vorgeschlagen. Den einfachen Beweis lieferte Wilhelm Busch mit dem Lebensmotto von Max und Moritz: „Tätigkeit vertreibt die Zeit!“ Es könnte ja doch etwas Sinnvolles herauskommen, sobald man sich aus der Seelenlähmung gelöst hat! Übigens beginnt ja der November mit einem Paukenschlag, dem Namenstag aller Heiligen. Die Heiligen sind nicht jene Männer und Frauen, die sich durch besonders qualifizierte moralische Leistungen Heiligkeit erworben haben, sondern es sind alle (zu Gott, dem Heiligen) zugehörigen Menschen. Also darf sich jeder Mensch als „Heiliger“ in diesem Sinn begreifen, denn Gott sagt: „Ich habe...
Krankheit und Leid als Nagelprobe des Glaubens

Krankheit und Leid als Nagelprobe des Glaubens

Eine Warnung vorweg. Wenn einer zu Dir sagt: Du musst nur inständig und ausdauernd beten, dann wird sich Dein Geschick schon  wenden, misstraue ihm, auch wenn er sich auf das Wort Jesu beruft „Bittet und ihr werdet empfangen!“ (vgl. Math 7,7) Denn gleich wahr ist das Gotteswort des Propheten Jesaja „Meine Gedanken sind nicht euere Gedanken und meine Wege sind nicht euere Wege“ (vgl. (Jes 55,8) Wen wundert es, wenn er auf Meinungen trifft: „Da hilft nur noch beten!“ Und : „Da hilft auch kein Beten mehr!“ Was soll man also mit solchen widersprüchlichen Botschaften anfangen? Gott erhört offenbar nicht alle unsere Wünsche, wohl aber vielleicht doch alle seine Verheißungen. Es gibt zwei Wege aus dieser Nagelprobe des Glaubens. Manche Menschen verabschieden sich mutig von ihrem Kinderglauben und lassen dennoch nicht ab von der Suche nach Gott. Dafür gibt es erschütternde Zeugnisse unserer jüdischen Brüder aus den KZs. Elie Wiesel berichtet davon. Er war in Auschwitz und Buchenwald. Ein KZ-Häftling war Zeuge einer Hinrichtung am Galgen und schrie verzweifelt: „Gott, wo bist Du!“ Sein Nachbar antwortete: „Dort hängt er!“  Von solcher Glaubensprüfung sind wir noch verschont. Sorge macht mir allerdings, dass die menschenverachtenden Praktiken in „grenzenlosen“  modernen KZs weltweit vorkommen – siehe die Gräueltaten der IS im Irak und in Syrien. Andere Menschen kündigen endgültig ihre Beziehung zum Glauben und leben nach dem Motto: Religion ist eben doch nur Opium des Volkes (Karl Marx). Man hat die Wahl. Der evangelische Theologe Helmut Thieleke hat eine Probe aufs Exempel vorgeschlagen und empfohlen, einmal so zu leben „wie wenn Gott wäre!“ Mehr dazu fällt mir auch nicht ein, obwohl ich zugebe,...

Ich bin so frei …

– Geschenkte, erworbene und eingeschränkte Freiheit – Kerstin hat ihre Freunde über Facebook eingeladen. Ihren 18. Geburtstag will sie ausgiebig feiern. Schließlich markiert dieser Tag wieder einen weiteren Schritt zu mehr Autonomie und Freiheit. Den Eltern hat sie deshalb auch vorgeschlagen, sich doch mal einen schönen Kurzurlaub zu gönnen, damit sie mit ihren Freunden allein in der Wohnung feiern könnte. Sie haben es sich nicht leicht gemacht, sind besorgt weggefahren. Hoffentlich gibt es nachher keine Beschwerden der Nachbarn: es sei zu laut gewesen, die jungen Leute hätten sich unmöglich benommen. Aufatmen – es ist alles gut gegangen. Kerstin hat ihre Eltern nicht enttäuscht. Der 18. Geburtstag ist nur eine Etappe von vielen, in denen wir ein Leben lang zu immer größerer Freiheit und Autonomie heranwachsen. Der erste Schritt wird schon beim Eintritt ins Leben getan. Die Entbindung löst die totale Abhängigkeit von der Mutter und überführt sie in eine gestaltbare Abhängigkeit. In den ersten Wochen und Monaten ist davon noch wenig zu spüren. Aber alle Mütter sind dann doch erstaunt, wie schnell ihr Kind selbstständig und eigensinnig wird. Einschulung, Schulabschluss, Wahl einer Berufsausbildung oder eines Studiums, immer mehr weitet sich der Radius der Freiheit hin zur Selbstverwirklichung – und damit auch zu mehr Verantwortung. In Freiheit sollte dann auch eine Partnerwahl geschehen. „Sind sie hierher gekommen, um nach reiflicher Überlegung und aus freiem Entschluß mit Ihrer Braut (bzw. ihrem Bräutigam) den Bund der Ehe zu schließen?“, fragt der Pfarrer bei einer kirchlichen Trauung. So wird der persönliche Weg jedes Menschen ein Abenteuer der Entdeckung und Übernahme von immer mehr Freiheit. Das aber ist nur der eine Strang im Leben...

Die Tyrannei der Zahl

Wie sehr unser Leben von Zahlen bestimmt wird, ist uns kaum noch bewusst. Wir leben damit ganz selbstverständlich. Eine moderne Zivilisation kommt ohne Zahlenwerke nicht mehr aus. Welche Preis an Menschlichkeit dieser Fortschritt gebracht hat, kann eine Geschichte aus dem 2. Buch Samuel (vgl. 2 Sam 24) verdeutlichen. Da wird berichtet, dass König David – wegen ständiger Kriegshandlungen in Sorge um sein Reich – eine Volkszählung anordnete. Er wollte die Zahl der wehrfähigen Männer wissen, um seine Chancen für mögliche Streifzüge oder das Risiko, überfallen zu werden und zu unterliegen, realistisch einschätzen zu können. Ausgerechnet sein Feldherr Joab warnt ihn vor solch einem Vorhaben. Für einen Militär ist das schon ungewöhnlich, aber für den Kenner der alttestamentlichen Geschichtsauffassung nicht überraschend. Denn Israel sollte nie und nimmer vergessen, wie die wirklichen Verhältnisse im Gottesvolk sind. Der Psalm 44 bringt es auf den Punkt. Dort heißt es – im Blick auf Sieg und Niederlage: „Denn sie gewannen das Land nicht mit ihrem Schwert, noch verschaffte ihr Arm ihnen den Sieg; nein, deine Rechte war es, dein Arm und dein leuchtendes Angesicht!“ (Ps 44,3-4). Also: nicht die kalkulierbare, in Zahlen messbare Stärke einer Streitmacht, entscheidet über Sieg und Niederlage, sondern allein das Wohlwollen Gottes für sein Volk und sein unbegreiflicher Ratschluss. Wer aber seine Mannen zählt und mit Militärstatistik seine Unbesiegbarkeit geltend machen will, setzt auf das falsche Pferd. „Rosse und Wagen warf er ins Meer“, so heißt es im Siegeslied Israels über die ägyptische Streitmacht: nichts hat es ihnen gebracht! Der die Siege erringt, ist ein ganz anderer, der unbegreifliche und furchterregende Gott Jahwe. David, der sich von Joab nicht umstimmen lässt...

Der Weg der Güte und Menschenfreundlichkeit

Ein Kommentar zu den Bibelstellen: 1 Kön 21,1-16; Mt 5,38-42 Keine leichte Kost Sowohl der Abschnitt in der Bergpredigt, in der Jesus über die Vergeltung redet (Mt 5,38-42) als auch die Geschichte aus dem Königshaus Ahab über die gewalttätige Aneignung eines Grundstücks (1 Kön 21,1-6) widersprechen unserem normalen Gerechtigkeitsempfinden. Warum sind diese Texte dann in die Bibel aufgenommen worden? Soll damit vielleicht unsere Erregung befördert und damit eine Auseinandersetzung mit unserem eigenen Verhalten in Gang gebracht werden? Verzicht auf Widerstand Der alttestamentliche Grundsatz „Auge für Auge und Zahn für Zahn“ (2 Mos 21,24) galt in der Rechtsgeschichte bereits als Fortschritt gegenüber dem Faustrecht. Da war der Stärkere immer im Recht. Rücksichtslos konnte er seine Interessen durchsetzen. Einen Ausgleich der Ansprüche, eine „Verhandlungslösung“ konnte den Rechtsfrieden sichern. Demnach sollte die Strafe für ein Vergehen maßvoll sein, also dem Grad der Verfehlung entsprechen. Jesus geht aber darüber weit hinaus. Er will durch Sanftmut und Liebe seine Gegner umstimmen und auf Vergeltung ganz verzichten. Er handelt selber nach dem Grundsatz der zuvorkommenden Liebe: „Wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln“ (Sprüche 25,21.22). Dein Feind bekommt so die Chance eines Gesinnungswandels. Güte und Menschenfreundlichkeit kann sich durchsetzen, auch wenn es dafür keine Garantie gibt. Die eigenen Interessen mit allen Mitteln durchsetzen Dass der Königs Ahabs mit einem Nachbargrundstück seinen Besitz erweitern will, ist zunächst nichts Ungehöriges. Er verhandelt ja mit dem Eigentümer Nabot, bietet ihm einen angemessenen Kaufpreis an oder im Umtausch einen anderen Weinberg. Man kann auch verstehen, dass Nabot das Ansinnen ablehnt....

Wie Christen über Sterben und Tod denken

Mit den alten Sinnfragen: „Woher komme ich, wohin gehe ich, was wird aus mir, wenn ich sterbe“ sind die Menschen auch heute noch unterwegs. Die Zeiten, in denen die Antworten aus dem jüdisch-christlichen Erbe dazu klaglos akzeptiert wurden, sind in Europa allerdings vorbei. An die Stelle christlicher Antworten sind  zahlreiche andere Ideen getreten. Sie erheben den Anspruch eines neuen und für den Zeitgenossen offenbar eher akzeptablen Wissens. So hat z.B. Bernhard Jacoby Bücher veröffentlicht, die verheißungsvolle Titel tragen: „Auch du lebst ewig. Die Ergebnisse der modernen Sterbeforschung“ und: „Das Leben danach. Was mit uns geschieht, wenn wir sterben“. Er bietet darin eine Mischung aus verschiedenen religiösen Traditionen, so zubereitet, daß der Leser zustimmungsbereit wird, weil die dunkle Seite des Geschehens nicht ausdrücklich thematisiert wird. Das Sterben und das Leben nach dem Tod beschreibt Jakoby als „herrliches Ereignis“. Der Mensch gehe hinein in weltferne geistige Sphären, mit starken Gefühlsqualitäten wie Wärme, Licht, Farbe. Es ist ein isoliertes Glücksgefühl ohne Bezug zum Gewesenen und zur Mitwelt – die totale Transformation, die alles, was bisher war, hinter sich läßt und auflöst. Mit der Überwindung der Angst vor dem Tod befaßt sich der amerikanische Psychoanalytiker und Schriftsteller Irvin D. Yalom. In seinem Buch „In die Sonne schauen“ bietet er viele hilfreiche Ideen an. Er hat sie in der erfolgreichen Psychotherapie mit Klienten, die an Todesfurcht leiden, gewonnen. Über ein mögliches Leben nach dem Tod macht er keine Angaben. Religiöse Vorstellungen sind für ihn nicht wichtig. Dies sind Beispiele, wie sich heute Menschen mit Sterben und Tod auseinandersetzen. Fasst man diese neuzeitlichen Aussagen grob zusammen, so ergeben sich drei große Antworten. Im Sterben geschieht:...