Leben im Vorzimmer des Sterbens

Fastenpredigt in St. Emmeram, Regensburg, am 07. März 2013 Wie ein Betroffener mit Krankheit, Sterben und Tod umgeht [print_link] Aus gesundheitlichen Gründen konnte ich diese Predigt nicht halten. Deshalb habe ich mich entschieden, sie auf diesem Weg zu veröffentlichen.Klaus Stock Pfr. i.R.   Liebe Mitchristen, Schwestern und Brüder im Herrn! Die heutige Fastenpredigt in der Reihe „Begegnung mit Krankheit, Sterben und Tod“ ist ein Wagnis. Mindestens drei Gründe erschweren mein Vorhaben: So wird in der Lesung aus dem Buch Sirach (Sirach 38,1-23) zwar das Arzt-Patientenverhältnis und die Rolle Gottes gut beschrieben, aber der Text ist sehr alt und die Inhalte entsprechen nicht mehr dem heutigen medizinischen Kenntnisstand. Als mich Pfarrer Roman Gerl Mitte Januar fragte, ob ich als Betroffener predigen könnte, war es völlig offen, ob meine Genesung so weit fortschreiten würde, dass ich den Termin wahrnehmen kann. Kurzfristig musste ich nun leider absagen. Ich bin seit Ende September 2011 in Therapie wegen einer Krebserkrankung (Plasmozytom). Einzelheiten dazu möchte ich nicht mitteilen, es sei denn, man kann sie mit einer Glaubensaussage verknüpfen. Auch der Apostel Paulus hat ja sehr offen über seine Bedrängnisse und Nöte gesprochen und seine Gemeinden an seinem Leben teilnehmen lassen (vgl. 1 Thess 2,8). Die Ereignisse im Lichte des Evangeliums deuten, war immer schon ein Anliegen der Verkündigung. Schließlich kann die Frage, wer ein Betroffener ist, nicht auf meine Person beschränkt bleiben. Nicht nur Krebspatienten sind Betroffene, auch andere Erkrankte. Man weiß inzwischen, dass der Krebs nicht die erste Todesursache ist, sondern die Herz- und Kreislauferkrankungen. Betroffene im weitesten Sinne sitzen heute auch hier in der Kirche. Angehörige, Berufe im Gesundheitswesen, Hospizhelfer, Pflegekräfte, Ärzte, alle...

Religiöses Leben gedeiht nicht unter Zwang

Predigt am 25. Sonntag im Jahreskreis – 23. September 2012 Lesungen: Jak 3,16-4,3 – Mk 9,30-37 Alle liturgischen Texte (hier) Geistliche Gedanken aus der Pfarrei St. Bonifaz Regensburg (hier) [print_link] Hier können sie die Predigt auch anhören! Es gab eine Zeit, in der sich im Kirchenvolk Unmut regte über die Art und Weise der Predigten; das kritische Wort von der „Moralpredigt“ machte die Runde. Vielen war es unerträglich, Sonntag für Sonntag von der Kanzel aus ein schlechtes Gewissen eingeredet zu bekommen. Das Wort vom „abkanzeln“ nahm die Runde. Bewirkt haben solche Predigten nur wenig. Denn niemand kann mehr an sittlicher und moralischer Leistung erbringen, als er beim besten Willen vermag. Wer unter Druck gesetzt wird, wird seines Lebens nicht mehr froh. Religiöses Leben gedeiht nicht unter moralischem Zwang. Daran mußte ich denken, als ich mich mit den Lesungen des heutigen Sonntags befaßte. Der eine oder andere Satz mag wie ein moralischer Rippenstoß klingen. Und doch ist der Grundton ein anderer. Es geht weder dem Schreiber des Jakobusbriefes noch dem Evangelisten Markus vorrangig um Moral. Jakobus hat das Leben der  Jerusalemer Gemeinde vor Augen und er weiß, wie menschlich es zugeht, wie allzu menschlich. Und er ringt um eine weiterführende Erklärung. Die Menschen sollen einsehen, dass ein friedliches Zusammenleben nur dann gelingt, wenn bestimmte Ordnungen und Regeln eingehalten werden. Das ist nicht moralisch, sondern ganz einfach vernünftig. Da ist kein Unterschied zu heute. Auch wir stehen vor der alles entscheidenden Frage: wie macht man das: unter den Augen Gottes menschlicher miteinander umgehen, damit sich das gesellschaftliche Klima nicht noch weiter verschlechtert und noch Schlimmeres geschieht als wir täglich in den Nachrichten erfahren. Die...

25 Jahre Krisendienst HORIZONT

Grußwort des ehemaligen Leiters der Telefonseelsorge [print_link] Sehr geehrte Damen und Herren! „Wer es nicht schafft, das Leben zu nehmen (so wie es ist), – kann in einer Krise so weit kommen, dass er sich das Leben nimmt“. Suizide hat es immer gegeben. Nach Angaben der WHO sterben jährlich eine Million Menschen durch Suizid. Es gab auch immer den Versuch, diesem rätselhaften Geschehen entgegenzuwirken. 1953 schaltete der Vikar Chad Varah in einer Londoner Zeitungen folgendes Inserat: „Bevor du dich umbringst, ruf mich an!“ Das Echo war gewaltig. Es führte zur Gründung der „samaritans“, einer Gemeinschaft Ehrenamtlicher, die sich dem portugisischen Sprichwort verpflichtet fühlte: „Jeder Mensch braucht ein Ohr, in das er hineinjammern kann“. Die Idee, sich über das Telefon Hilfe zu holen, breitete sich über den ganzen Kontinent aus. 1956 wurde die Telefonseelsorge in Deutschland gegründet, 1966 in Österreich. Die Telefonseelsorge war eine der ersten Formen der Krisenintervention, auch in Regensburg. Ein bis heute gültiger Appell an Suizidgefährdete war: „Beende Dein Schweigen und nicht Dein Leben!“ Damit berühren wir auch die Wurzeln des Krisendienstes Horizont, an die ich in meinem Grußwort kurz erinnern möchte. Ich war von 1983 – 1989 Leiter der Ökumenischen Telefonseelsorge Regensburg und damals auch Sprecher des AK „Suizid“ innerhalb der PSAG. In diesem Fachkreis haben wir die Entwicklung beobachtet und über Möglichkeiten der Hilfe für Suizidgefährdete diskutiert. Als 1985 die Zahl der Suizide innerhalb des Einzugsgebietes der PSAG Regensburg (ca. 200.000 Bewohner) drastisch anstieg – es waren damals über 120 – schrillten bei uns die Alarmglocken. Aus anderen deutschen Städten war uns schon zu Ohren gekommen, dass es neue Kriseninterventionszentren gab. Unsere Idee, eine vergleichbare...

Die letzte Wegstrecke ist steil und schwer

Anna Schäffer und die Hospizbewegung [print_link] Anna Schäffer war lange Zeit nur in bestimmten Kreisen des Kirchenvolkes bekannt; ihre Seligsprechung Anfang März 1999 hat aber einiges daran verändert. Mehr noch wird das nach ihrer Heiligsprechung am 21. Oktober 2012 der Fall sein. Als geduldig Leidende und Ausharrende bis zuletzt wurde sie ein Zeichen für einen neuen Umgang mit Leiden, Sterben und Tod. Zwar geht der Trend in eine andere, bereits lang anhaltende Richtung. Viele Menschen haben nämlich in den Nachkriegsjahren etwas verlernt: das Hinschauen auf Leiden und Tod. Dafür gibt es Gründe. In den schlimmen Jahren des 2. Weltkrieges war das vielfältige Leid allgegenwärtig. Nach so viel Elend wollte man sich entschieden den neuen aufkeimenden Lebensmöglichkeiten zuwenden. Wirtschaftlicher Aufschwung unter dem allgegenwärtigen Motto: „Meine Kinder sollen es besser haben als ich“, gab die Richtung an, in der sich die Menschen in der Bundesrepublik bewegten. Für das Dunkle im Leben gab es bald keinen Platz mehr. Leben wurde gleichgesetzt mit Er-leben, mit Spaß und Wohlbefinden. Eine Wellness-Kultur entstand in den letzten Jahren. Schon haben sich Krankenhäuser in Gesundheitszentren umbenannt. Die Krankenkassen geben die Richtung an. Sie nennen sich lieber Gesundheitskassen. Und die offizielle Berufsbezeichnung von Schwestern und Pflegern heißt jetzt: Gesundheits- und Krankenpfleger/in. Unangenehm und störend bleibt die Tatsache, daß wir krank werden, leiden und sterben müssen. Einrichtungen, in denen Leiden und Tod vorkommt: die Alten- und Pflegeheime, Krankenhäuser, Palliativstationen, Hospize und – nicht zu vergessen – die vielen unbenannten Wohnungen, möchten wir lieber gar nicht in den Blick nehmen. Solange wir gesund sind, machen wir lieber verschämt einen Bogen um solche Orte. Wir verdrängen immer noch die Stationen und Situationen von Leiden, Sterben und...

Sehnsucht und Sucht

Die verschlungenen Pfade der Abhängigkeit Es gibt eine Kunst, abhängig zu sein – und es gibt eine Krankheit, abhängig zu sein. Abhängigkeit ist zunächst eine Verhältnisbestimmung von zwei Personen oder von einer Person zu einer Sache. Der förderliche Wert oder der zerstörerische Unwert einer Abhängigkeit bestimmt sich durch die Personen und durch die Sachen und nicht zuletzt durch die Intensität (Dosis). Wer von einem Nahrungsmittel abhängig ist, schadet bei unkontroliertem Gebrauch seiner Gesundheit. Alkoholabhängigkeit z.B. kann zu Persönlichkeitsveränderungen führen. Im schlimmsten Fall ist sie Selbstmord auf Raten. Suchtambulanzen bieten in der Dramaturgie einer Suchtkarriere erste Hilfen an. Fachkliniken halten spezifisch zugeschnittene Therapien bereit. Vor dem Hintergrund eines möglichen Zusammenhangs zwischen Sehnsucht und Sucht kann die Frage nach der grundsätzlichen Abhängigkeit des Menschen nicht übergangen werden. Totale Unabhängigkeit und Autonomie gibt es nicht. Menschen sind zwar nicht immer aufeinander angewiesen, wohl aber aufeinander verwiesen. Wie sehr die „Abhängigkeit“ von einem DU in das Lebensgefühl eingreift, hat der amerikanischer Psychoanalytiker und Buchautor Yalom in seinem ‚Roman „Die rote Couch) beschrieben: „Es gibt nichts Schlimmeres, als ein unbeachtetes Leben zu leben. Wieder und wieder habe ich den außergewöhnlichen Durst meiner Patienten nach Aufmerksamkeit bemerkt. Trauerpatienten z.B. fielen in tiefste Verzweiflung, weil sie ihr Publikum verloren hatten. Ihr Leben wurde nicht mehr beobachtet, nicht mehr beachtet, es sei denn, sie waren glückliche Anhänger einer Gottheit, die genug Muße hatte, um jeden einzelnen ihrer Schritte genauestens zu verfolgen“. (Irvin D. Yalom, Die rote Couch) Läßt sich nun die seelische Bauform Abhängigkeit für eine Balance zwischen Sehnsucht und Sucht nutzen? Kann die Sehnsucht des Menschen in heilsame Bahnen geklenkt und damit vor der Sucht bewahrt...

Wenn es einem die Sprache verschlägt – Karfreitagsmeditation

Zur Liturgie des Karfreitag (hier) [print_link] Das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz lesen wir in der Liturgie des Karfreitags immer aus dem Johannesevangelium. Eigentlich ist jedes deutende Wort dazu eher störend als hilfreich. Wäre nicht Stille und Schweigen besser als Reden? Sprechen wir nicht auch von einem „unsagbaren“ Leid, wenn es uns buchstäblich die Sprache verschlägt. Und doch müssen wir reden, müssen es wenigstens versuchen, eine Brücke zu bauen zwischen den Ereignissen damals in Jerusalem und dem, was heute weltweit geschieht. Die Passion Jesu – vor fast 2000 Jahren – verstehen wir ja nicht als ein Ereignis ohne jeden Bezug zu unserem grauen und oft genug auch abgründig leidvollem Alltag. Denn der Hingerichtete war – wie der römische Hauptmann nach dem Evangelium des Markus bekannt hat – der Sohn Gottes, nicht irgendein Mensch, nicht irgendein religiöser Erneuerer. Gott selbst also blickt vom Holz des Kreuzes herab auf seine Menschheit. Sein Blick trifft uns – stumm, fragend und einladend. Der gekreuzigte Jesus erinnert und daran, dass er beim letzten Abendmahl nach der Fußwaschung gesagt hat: „Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“ Und der auferstandene Jesus spricht ähnlich zu den beiden verzweifelten Emmausjüngern : „Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen!“ (Lk 24,25). Um euretwillen habe ich das Kreuz angenommen, damit ihr spürt, dass ihr in euerem Leiden, in euerem Elend, in eueren Abgründen von Schuld, Sünde, Not und Tod, nicht alleingelassen seid. Ich bin hinabgestiegen in das Reich des Todes, damit ihr in euerem...