Gefährliche Erinnerung

Gefährliche Erinnerung

12. Sonntag im Jahreskreis – Lesejahr A – 22. Juni 2014 Lesungen: Jer 20,10-13 / Röm 5,12-15 / Mt 10,26-33 Zum Anhören der Predigt am Ende des Textes auf das kleine Dreieck am linken Balkenende klicken Der aus der Oberpfalz stammende Theologe Johann Baptist Metz hat die Eucharistiefeier einmal eine „gefährliche Erinnerung“ genannt. Was soll denn da so gefährlich sein, wenn wir uns jeden Sonntag zum Gottesdienst versammeln? Wir kommen doch unbehelligt zusammen. Niemand hindert uns daran. Wir leben in einem freiheitlichen Rechtsstaat. Die Religionsfreiheit ist durch das Grundgesetz garantiert. Dass es in anderen Teilen der Welt nicht so ist, wissen wir. Das Bekenntnis zum christlichen Glauben und der Kirchgang können da gefährliche Folgen haben. Im Sudan wurde jetzt eine 27jährige Christin wegen Gotteslästerung und Glaubensabfall zum Tod durch Erhängen verurteilt. Die Ärztin war Muslima, wurde Christin, weil sie einen Christen geheiratet hatte. Das Urteil ist zwar noch nicht vollstreckt, aber die sudanesische Regierung schiebt die Verantwortung auf die muslimische Rechtsordnung, die Scharia, die keinen Wechsel in eine andere Konfession duldet. Der aktuelle Stand – am 09.07.2014 – ist nicht bekannt. Die unterschiedlichen Meldungen gingen in letzter Zeit hin und her. Angeblich befindet sich die Ärztin jetzt in der amerikanischen Botschaft … In Deutschland ist Christsein und die Teilnahme am Gottesdienst nach dem Ende der Hitlerdiktatur und der DDR keine Gefahr mehr für Leib und Leben. Vielleicht wollte der Theologe Metz einfach auf eine vergessene Wahrheit aufmerksam machen. Wir kommen dem auf die Spur, wenn wir noch einmal nachklingen lassen, was das Thema der heutigen Lesungen war. Der Prophet Jeremia, so hörten wir in der Lesung, wurde von seinen Zeitgenossen...

Brot für das Leben

Fronleichnam – Lesejahr A – 19. Juni 2014 Lesungen: Dtn 8,2-3.14b-16a / 1 Kor 10,16-17 / Joh 6,51-58 Zum Anhören der Predigt am Ende des Textes auf das kleine Dreieck am linken Balkenende klicken   Das Fronleichnamsfest hat in Bayern noch einen anderen Namen – Prangertag. Das ist ein doppeldeutiges Wort; gemeint ist damit einerseits die Pracht in den farbigen Gewändern, geschmückten Häusern und Straßen – aber auch der Vorgang der Zur-Schau-Stellung selbst. Die Kirche stellt sich und ihr innerstes Geheimnis sozusagen an den Pranger, gibt ihr Geheimnis preis, ein Geheimnis, das sie selber kaum versteht: das Geheimnis des Leibes und Blutes Christi.  Was sollen wir einem evangelischen Christen antworten, wenn er uns fragt: warum feiert ihr Katholiken  das Fronleichnamsfest? Wir können natürlich auf kirchliches Brauchtum verweisen. (Im 13. Jh. gab es erstmals in Köln eine Fronleichnamsprozession). Wir können zeigen, dass wir Gott auch öffentlich die Ehre erweisen, auch wenn es uns nicht leicht fällt, die Zweifler zu überzeugen. Auch die Lesungen der Messe schließen ja den Zugang zu diesem Fest nicht ohne weiteres auf.   In der ersten Lesung ist von einer Wegzehrung die Rede. Das Volk Gottes braucht auf seinem beschwerlichen Weg durch die Wüste Nahrung. Hunger und Durst werden immer unerträglicher. Ein Murren geht durch die Reihen. Aber dieser Aufstand ist zugleich eine Prüfung. Denn das unerwartete Manna und das Wasser aus dem Felsen sind ein Zeichen für die Hohheit und Größe Gottes. Er lässt sein Volk gegen allen Anschein nicht im Stich. Daran muss immer wieder erinnert werden. Gleichzeitig soll aber auch klar werden: Nahrung allein ersetzt noch nicht den Lebenssinn. Dazu bedarf es eines deutenden Wortes. Das Wort...
Ein dreifaltiger Gott?

Ein dreifaltiger Gott?

Dreifaltigkeitssonntag  – Lesejahr A – 15. Juni 2014 Lesungen: Ex 34,4b.5-6.8-9 / 2 Kor 13,11-13 / Joh 3,16-18 Liturgie (hier) Zum Anhören der Predigt am Ende des Textes auf das kleine Dreieck am linken Balkenende klicken Martin Buber erzählt in seiner Sammlung jüdischer Geschichten folgende Begebenheit: Ein Schüler trat eines Morgens in das Lehrhaus. Er hatte die Türklinke noch in der Hand. Da schaute der Rabbi vom Buch auf und fragte ihn: „Was ist Gott?“ – Der Schüler schaute ihn groß und stumm an. „Was ist Gott?“ – Der Junge senkte den Kopf. „Warum antwortest Du nicht?“, fragte ihn der Alte. „Weil ich es nicht weiß“, gab der Junge zur Antwort. Da sagte der Rabbi: „Weiß ich es denn? Ich weiß nur, dass ER ist und dass außer Ihm nichts ist. – Und das ist ER“. Heute, am Fest der Hl. Dreifaltigkeit, geht es uns wie dem Rabbi. Über Gott können wir eigentlich nur sagen, dass wir nichts sagen können. Wäre es also dann nicht besser, zu schweigen? – Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat jedenfalls vorgeschlagen: „Worüber man nicht reden kann, davon soll man schweigen“. Ich bin nicht sicher, ob wir gut beraten sind, diesem Vorschlag zu folgen. Auch wenn unser Reden von Gott eher ein Stottern ist, sollten wir es doch versuchen. Während wir nämlich über Gott reden, werden wir uns selber gewahr, sprechen wir auch von uns und kommen unserer eigenen Wirklichkeit näher. Niemals werden wir Gott verstehen, wenn wir uns selber nicht verstehen. Sind wir doch seine Geschöpfe, nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen. Wir können also die Gottesfrage in die Menschenfragen einsäen und umgekehrt die Menschenfragen auf die Gottesfrage hin...
Lebens- und Durchhaltekraft

Lebens- und Durchhaltekraft

Pfingstmontag – Lesejahr A – 09. Juni 2014 Lesungen: Apg 10,34-35.42-48a / Eph 4,1b-6 / Joh 15,26-16,3.12-15 Zum Anhören der Kurzpredigt am Ende des Textes auf das kleine Dreieck am linken Balkenende klicken Vor einer Woche endete der Katholikentag in Regensburg. Es war ein Fest des Glaubens. In den zahlreichen Veranstaltungen und Begegnungen konnten die Teilnehmer erleben, dass die Kirche vielgestaltig und lebendig ist. Wie diese Lebendigkeit aussieht, das wurde auch in den Lesungen der Eucharistiefeier am  heutigen Pfingstmontag beschrieben. Die Apostelgeschichte erzählt, dass dem Petrus die Augen aufgingen, als er in einer Gebetsversammlung – wahrscheinlich in einer jüdischen Synagoge – erlebte, wie die Anwesenden seine Worte mit Begeisterung aufgenommen haben. Er hat ja nichts anderes gesagt, als was er mit Jesus von Nazareth erlebt hatte. Jesus hatte ja keine neue Lehre verkündet, sondern einen neuen Lebensstil vorgelebt und ihn dann erklärt. Das ist ein altes Prinzip in der Erziehung: zuerst das Beispiel, dann die Belehrung. Die Anwesenden, so können wir jetzt deutend sagen, wurden vom Hl. Geist erfüllt – und zwar ohne Rücksicht auf ihre Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Auch Nichtjuden waren wie angesteckt von der neuen Lebensfreude und der gegenseitigen Aufmerksamkeit. Da gab es kein Hindernis mehr für die Taufe – d.h. für die offizielle Aufnahme in die Gemeinschaft der Jesusleute. Im Epheserbrief beschreibt der Apostel Paulus die Eigenschaften eines freien und reifen Christen. Demütig, friedfertig und geduldig wird ein Jesus-Anhänger sein, auch fähig, den Anderen in Liebe zu ertragen und die Einheit zu wahren, weil allen eine gemeinsame Hoffnung geschenkt wurde. Der gemeinsame Bezugspunkt ist nun für alle Jesus Christus, eine gewagte, aber glaubwürdige Beschreibung für eine christliche Gemeinschaft....
Pfingsten – ein gefährliches Fest

Pfingsten – ein gefährliches Fest

Pfingsten –  Lesejahr A – 08. Juni  2014 Lesungen: Apg 2,1-11 / 1 Kor 12,3b-7.12-13 / Joh 20,19-23 Liturgie (hier) Klicken Sie am Textende auf das kleine Dreieck am linken Balkenende, um die Predigt anzuhören.   Es gibt für uns in der Kirche kein gefährlicheres Fest als Pfingsten. Warum? Weil wir uns an diesem Fest dem größten Geheimnis der Dreifaltigkeit, dem Hl. Geist zu nähern versuchen. Was wissen wir vom Hl. Geist? Reichlich wenig. Gott Vater, den wir als Schöpfer der Welt bekennen und bei dem wir uns in unseren Nöten bergen möchten, ist uns irgendwie näher. Auch einem Nichtchristen fällt es leicht, eine väterliche Gottheit anzuerkennen. „Brüder, überm Sternenzelt, muß ein lieber Vater wohnen“, heißt es in der „Hymne an die Freude“ in der 9. Sinfonie Beethovens. Darin sind sich die Menschen schnell einig.   Auch zu Jesus, dem Mensch gewordenen Gott, finden wir eher einen Zugang, weil er ein Menschenantlitz trägt. Wir können uns ein Bild von ihm machen. Nach dem Zeugnis der Hl. Schrift muß er ein freundlicher, hilfbereiter, guter Mensch gewesen sein. Aber was wissen wir von Gott, dem Hl. Geist? Der Hl. Geist ist nicht greifbar, nicht vorstellbar. Er ist unberechenbar. Wo in der Bibel von seiner Gegenwart die Rede ist, gerät manches durcheinander, stehen die Leute vor einem Rätsel. In der Apostelgeschichte z.B. ist von einem heftigen Sturm die Rede, von Feuerzungen: Bilder für ein ungewöhnliches Ereigniss. Die Menge der Jerusalempilger strömt zusammen und das Erstaunliche ist das Sprachenwunder. Beobachtern von heute würde es nicht anders ergehen als den Augen- und Ohrenzeugen von damals. Man sucht und findet eine einfache Erklärung: ach was, diese Anhänger Jesu da, die sind doch...
Was nun, Herr Petrus?

Was nun, Herr Petrus?

7. Sonntag der Osterzeit – Lesejahr A – 01. Juni 2014 Lesungen: Apg 1,12-14 / 1 Petr 4,13-16 / Joh 17,1-11a Liturgie (hier) Zum Anhören der Predigt bitte am Ende des Textes auf das kleine Dreieck am linken Balkenende klicken Die Reporter hätten ihnen vielleicht die Tür eingerannt, weil sie unbedingt wissen wollten: „Was nun, Herr Petrus?“  Vom Ölberg kommend hatten sie sich wieder versammelt, die Apostel Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus und Simon, sowie Judas, der Sohn des Jakobus mit Maria, der Mutter Jesu und anderen Frauen. Der Karfreitagsschock war ihnen noch ins Gesicht geschrieben. Mit dem Todesurteil ihres Meisters hatten sie nicht gerechnet, noch viel weniger damit, daß sich Jesus ihnen lebend zeigen würde, zuletzt am Tag seiner Himmelfahrt.  Fernsehen gab es damals noch nicht, aber es gab doch Beobachter der Ereignisse. Und es gab Leute, die wichtige Ereignisse gerne weitererzählten – auf dem Markt, am Brunnen oder in der Synagoge. Es gibt immer Leute, die gerne Neuigkeiten erzählen.  Und manche haben diese Neuigkeiten auch aufgeschrieben, oft viele Jahre später, aber mit einem genauen Erinnerungsvermögen, das damals gewiss schärfer war als das heutige. Man lebte ja ausschließlich von mündlichen Überlieferungen. Zeitungen für alle gab es nicht. Und die Schriftrollen waren ein teuerer Luxus für die Gelehrten. Aus diesen Aufzeichnungen lesen wir heute noch vor. Auch wenn diese Texte keine Reportagen sind, keine Protokolle, so können sie doch Wahrheit beanspruchen – vielleicht mehr als heutige Druckerzeugnisse, die nicht selten gefälscht werden.  Für uns ist das wichtig. Wenn wir nämlich die Wahrheit über Jesus wissen wollen, müssen wir die hl. Schrift lesen. Es...